Wickel und Kompressen

 

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Die Weisen und Heilkundigen Frauen -

Wegweiser für eine patientenorientierte und eigenständige Pflege

 

Hausarbeit im Rahmen des Studiums der Pflegepädagogik

an der Katholischen Fachhochschule Freiburg

von Bernadette Bächle

Kinderkrankenschwester, Fachfrau für Wickelanwendungen und Heilpflanzen

 

Inhaltsverzeichnis

 

1. Einleitung

 

2. Die Geschichte der „Weisen Frauen“

 

2.1 Domäne der Frau

 

2.2 Hexenverfolgung

 

2.3 Entwicklung der männlichen Medizin

 

2.3.1 Die Ärzte

 

2.3.2 Übernahme der Geburtshilfe

 

2.4 Entwicklung der weiblichen Krankenpflege

 

3. Tätigkeitsfeld der Heilenden Frauen

 

3.1 Aneignung von Wissen

 

3.2 Heilpflanzenwissen

 

3.3 Arbeitsweise der Heilkundigen Frauen

 

4. Zusammenhängende Aspekte zur heutigen Krankenpflege

 

4.1 Prävention

 

4.2 Krankenbeobachtung

 

4.3 Ganzheitlichkeit

 

4.4 Patientenberatung

 

4.5 Rehabilitation

 

4.6 Wundbehandlung

 

4.7 Palliative Pflege

 

4.8 Alternative Pflege

 

5. Fazit

 

6. Literaturliste

 

 

 

1. Einleitung

 

Die Geschichte und die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege wird vor allem in der Gründung der Pflegeorden und in der Entwicklung der freiberuflichen Krankenpflege aus der bürgerlichen Frauenbewegung Ende des 19 Jahrhunderts gesehen. Weitere Ursprünge sind zu finden in der Betreuung der Kriegsopfer, der Kriegskrankenpflege. Die Nächstenliebe, Dienstbarkeit und das Dienen standen im Vordergrund. Selten wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen den weisen Frauen und den so genannten „Hexen“ aus dem Mittelalter. Dieser Teil der Geschichte wird eher dem Ursprung des Hebammenwesens zugeordnet. Gerade aber in der autonomen Tätigkeit der weisen Frauen, den Heilpraktikerinnen aus dem Mittelalter sehe ich auch Wurzeln für eine eigenständige und patientenorientierte Pflege und neue Identifizierungsmöglichkeiten.

 

2. Die Geschichte der „Weisen Frauen“

 

2.1 Domäne der Frau

 

Heilen und auch Pflegen war schon seit Menschengedenken eine Domäne der Frau. Meist waren es Frauen aus dem Volk oder aus den niederen Schichten. Ihr großes Wissen in der Volksheilkunde wurde über viele Generationen hinweg von Frau zu Frau mündlich überliefert. Diese Frauen waren Ärztinnen, Geburtshelferinnen, Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen und Krankenschwester in einer Person. Sie wurden in der Bevölkerung „Weise Frau“ oder „Kräuterweib“ genannt und genossen ein hohes Ansehen. Sie waren aktiv in der Heilkunde tätig, insbesondere in der Geburtshilfe und Frauenheilkunde, zu der die Männer jahrhunderte lang keinen Zutritt hatten. Heilkundige Frauen, die „weisen Frauen“ und Hebammen, waren die Ärzte des Volkes (Bischoff 1997,S.33).

 

2.2 Hexenverfolgung

 

Die Stellung der Frau in der Heilkunde im Mittelalter war dominierend. Dieses hohe Ansehen der weisen Frauen im Volk war der damaligen Obrigkeit und der Kirche ein Dorn im Auge. Ihre Verdrängung aus der Heilkunde und ihre Unterdrückung waren keineswegs eine natürliche oder zwangsläufige Entwicklung. Es war ein politischer Machtkampf und ein Kampf gegen die Frauen. (Bischoff 1997,S.32-33).

Die Institution Kirche versuchte immer wieder die Minderwertigkeit der Frau zu beweisen. Die Aussagen wurden dabei gestützt in Textstellen des Alten und Neuen Testaments. Es wurde Bezug genommen auf den Schöpfungsbericht, der besagt, dass Eva aus einem Teil Adams, nämlich der Rippe, entstand. Bestätigt wurden solche Aussagen von Thomas von Aquin (1225-1274 n. Chr.) einer der bekanntesten Philosophen und Theologen des Mittelalters. Er übernahm das Frauenbild von Aristoteles (304-322 v. Chr.). Dies besagt, dass die Frau ein unvollständiger Mann sei. Sie sei minderwertig und muss sich dem Mann unterordnen (Möller et al. 1994,S.28).

Dieses vernichtende Frauenbild wurde übernommen und zeigt die Stellung der Frau innerhalb der Kirche und der Gesellschaft zu der damaligen Zeit . Es führte dazu, dass den Frauen der Zugang zu den Schulen und Universitäten verwehrt wurde. Selbst das Schreiben und Lesen wurde Ihnen verweigert. Der Frauenhass ging sogar so weit, dass Ihnen alles Schlechte und Böse unterstellt wurde. Jeanne Achterberg schreibt dazu : Alles Versagen der Menschheit und die Verstimmung der Natur waren wieder einmal die Schuld der Frau (Achterberg 1994, S.116).

Die anerkannte Heilerin des Volkes wurde somit zur umstrittensten Frau, deren Macht es einzudämmen galt. Es wurde festgelegt dass jede Frau, jede Heilerin die ohne studiert zu haben, praktiziere, gleichzeitig eine „Hexe, Kurpfuscherin oder sogar Teufelsanbeterin“ war. Somit war jede Heilerin, jede Geburtshelferin suspekt. Jede Frau, die Arzneimittel mit Heilpflanzen herstellte war suspekt. Jede Frau, die ein besonderes Talent hatte war suspekt. (Achterberg, S.119).

Jede Frau die sich durch irgendwelche Handlungen und sei es nur einen kranken Angehörigen mit selbst gemachten Teezubereitungen oder Wickel pflegte, konnte Opfer der Inquisition und somit eines Hexenprozesses werden. Manchmal reichte es schon aus wenn es sich um eine schöne, verführerische oder sogar selbstbewusste Frau handelte. So wurde nach und nach der ganze Berufsstand der damaligen weisen Frauen ausgelöscht. Die Hexenverfolgungen in Europa begannen im 14. Jahrhundert und dauerte mehr als 400 Jahre bis ins 18 Jahrhundert. Allein in Deutschland sind hunderttausend Hexenverfolgungen dokumentiert (Achterberg,S.122). Die tatsächliche Zahl ist nicht bekannt. Die letzte Hexe wurde in Deutschland 1775 hingerichtet.

 

2.3 Entwicklung der männlichen Medizin

 

2.3.1 Die Ärzte

 

Gleichzeitig fand eine allmähliche Machtübernahme der Heilkunde durch die männlichen Ärzte statt. Dies erfolgte nicht auf wissenschaftlicher Überlegenheit sondern aufgrund politischer und kirchlicher Interessen (Ehrenreich 1986, S.7). Die studierten Ärzte entstammten zunächst aus dem niederen Klerus. Ihre Ausbildung beruhte auf dem Studium der Philosophie (Platon / Aristoteles), der Theologie und der Säftelehre des altrömischen Arztes Galen. Die Kirche untersagte strikt eine intensive Beschäftigung mit dem Körper allgemein, d.h. auch dem der Frau. Daraus ergaben sich die fragwürdige Behandlungen der Patienten mit Diätetik und Aderlass. Diese Ärzte konnten der breiten Bevölkerung aufgrund ihrer ungenügenden Ausbildung nicht helfen. Sie waren zunächst weiterhin auf die Hilfe von Badern, Hebammen und den weisen Frauen angewiesen, obwohl diesen seit dem 14. Jahrhundert jede medizinische Behandlung verboten war. Diese hatten die besseren Behandlungserfolge und somit Anerkennung. Hier entstand ein massiver Konkurrenzkampf gegenüber der weiblichen Heilkunde. Durch die gezielte Hexenverfolgung konnten die Ärzte sich zunehmend ein Monopol auf die Heilberufe sichern, bis sie schließlich sogar die Alleinherrschaft in der Medizin hatten.

 

2.3.2 Übernahme der Geburtshilfe

 

Nach den Hexenverfolgungen, Ende des 18. Jahrhunderts war fast jeglicher Widerstand der Frauen gebrochen. Die Stigmatisierung der Frauen als Hexen saß tief. So konnte den männlichen Ärzten die Übernahme der Geburtshilfe, der letzten Domäne der Frau, endgültig gelingen.

 

2.4 Entwicklung der weiblichen Krankenpflege

 

Mit der zunehmenden Entstehung von Hospitälern und Krankenhäusern im 18. und 19. Jahrhundert entstand der Bedarf an Patientenbetreuung und Krankenpflege. Hieraus entwickelte sich die Ordenskrankenpflege, deren Motivation auf Nächstenliebe und Barmherzigkeit beruhte. Durch gesellschaftliche Umstrukturierung stieg die Zahl der zu betreuenden Kranken weiter drastisch an. Die kirchlichen Institutionen konnten nicht mehr allein eine Pflege gewährleisten. Da durch die Industrialisierung viele Familien verarmten, waren immer mehr Frauen gezwungen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, bzw. ihre Familien finanziell zu unterstützen. In der Pflege wurde dann bald der ideale Arbeitsplatz für die Frau gesehen. Das bürgerliche Weiblichkeitsideal mit den Stärken der Frau in der Hausarbeit, Mutterrolle und Liebestätigkeit, spielte hierbei eine große Rolle. Die Unterordnung, Selbstaufgabe, Pflichtgefühl und Ausbeutung waren die Folge (Bischoff 1997,S. 62ff). Folgende Tugenden und Eigenschaften der Frauen befähigten, nach der Meinung verschiedener Mediziner, zur Ausübung der Krankenpflege (Metzger 1998,S.64).

 

Sittsamkeit

 

Demut

 

Geduld

 

Gutmütigkeit

 

Aufopferungsfähigkeit

 

Frömmigkeit

 

Zähigkeit

 

Genügsamkeit

 

Widerstandskraft

 

Bischoff (S.17ff) weist darauf hin, dass die Krankenpflege keineswegs immer schon ein typischer Frauenberuf gewesen sei. Es gibt eine Reihe von Hinweisen, dass zu unterschiedlichen Zeiten die Pflege sowohl von Frauen als auch von Männer ausgeübt wurde. Dies gilt für das Altertum ebenso wie für das Mittelalter und die Neuzeit. Sie bezieht sich auf die frühchristliche Diakonie und auch die mittelalterliche Klostermedizin wurde von Nonnen und Mönchen ausgeübt. Im 19. Jahrhundert wurden die Krankenwärter und Pfleger verdrängt, da die bürgerliche Krankenpflege als eine natürliche Aufgabe der Frauen angesehen wurde und somit auch nur ein geringe Entlohnung zur Folge hatte. Am Ende des 18. Jahrhunderts führte die Hexenverfolgungen dazu, dass das Wissen der weisen Frauen ausgerottet wurde. Wenn die Frauen weiterhin heilkundig tätig sein wollten, blieb ihnen nur die Krankenpflege mit der vollständigen Unterordnung unter die approbierten Ärzte. Außerdem wurden den Frauen weiterhin die Zulassung zum Medizinstudium verwehrt.

 

3. Tätigkeitsfeld der Heilkundigen Frauen

 

3.1 Aneignung von Wissen

 

Ihr Wissen eigneten sie sich durch mündliche Weitergabe ihrer Lehrerinnen an. Meist waren dies die eigene Mutter, Großmutter oder Tante. Weitere Grundlagen ihrer Ausbildung waren aber auch einfache Beobachtungen und zusammenhängende Schlussfolgerungen aus dem Alltag. Viele Frauen waren einfache Bäuerinnen. Diese machten ihre Beobachtungen vor allem im Zusammenleben mit ihrer Familie und den Tieren. Wahrscheinlich hatten sie detaillierte Kenntnisse des Körperbaus und der Anatomie. Die Empirie, das Sammeln von Erfahrungen Beobachtungen und die Anwendung der daraus gewonnen Erkenntnisse, war wohl die wichtigste Lernmethode. Diese Erkenntnisse wurden nicht nur angewandt, sondern auch weitergeben und dadurch verbreitet und weiterentwickelt. Weiter spielte die Naturverbundenheit und Erkenntnisse aus der Pflanzenwelt eine große Rolle. Viele hatten ein enormes Wissen in der Kräuterheilkunde. Teilweise wurden den Pflanzen magische Kräfte zugeschrieben. Die Magie war durchaus eine übliche Behandlungsmethode in der damaligen Zeit. Die Frauen heilten und pflegten mit selbst hergestellten Arzneimittel und mit magischen Ritualen. (Bischoff 1997, S.33).

 

3.2 Heilpflanzenwissen

 

Die weisen Frauen verfügten über Kenntnisse der Behandlungsmöglichkeiten, die größtenteils aus der Pflanzenheilkunde stammten. Die zum Teil bis heute angewandten Kräuterrezepturen fanden besonders bei Frauenleiden und in der Geburtshilfe Anwendung. Eine weitere Domäne war die Behandlung von Wunden, Magen- und Darmerkrankungen und die Schmerzbehandlung.

 

Hier einige bewährte Beispiele aus der Volksheilkunde (aus Bühring 1999, Weiss 1999 und Ehrenreich 1986).

 

Name

lat. Name

Verwendung in der Volksheilkunde

Heute wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung.

 

Mutterkorn

Ergot

Geburtsschmerzen

Beschleunigung der Wehen, Förderung des Genesungsprozesses nach der Geburt

 

Fingerhut

Digitalis purpurea

Wassersucht, Blausucht, Atemnot

 

Herzbeschwerden

Ist ein Herzglykosid 1. und 2. Ranges zur Verlangsamung der Herzfrequenz und Kräftigung der Herzmuskulatur

 

Johanniskraut

Hypericum perforatum

Melancholie, Hysterie, Wunden, Hieb- und Stichverletzungen

Antidepressivum bei leichten und mittelschweren Depressionen.

 

Ringelblume

Calendula officinalis

Wunden jeglicher Art,

 

Magenbeschwerden, Husten

Wundheilungsfördernd und Entzündungshemmend,

 

in vielen Salben und Mittel zur Wundheilungsförderung enthalten

 

 

Die einzigen schriftlich überlieferten Rezepte einer Heilkundigen Frau aus dem Mittelalter stammen von Hildegard von Bingen (1098 – 1179 n. Chr.). Die Äbtissin entwickelte viele eigene Kräuterrezepturen und Diäten und war eine anerkannte Heilerin Ihrer Zeit. Einige der Anwendungsgebiete der Rezepturen konnten in der modernen Phytotherapie nachgewiesen werden und erfreuen sich heute neuer Beliebtheit.

 

3.3 Arbeitsweise der Heilenden Frauen

 

Das Tätigkeitsfeld der weisen Frauen war sowohl in der Stadt als auch auf dem Land vor allem bei den Armen und Frauen. Sie wurden bei Geburten geholt, aber auch bei sonstigen Frauenerkrankungen und auch zur Geburtenregelung wussten sie Rat. Sie waren Beraterinnen, gaben verschiedene Tipps und Anweisungen zur Heilung. Sie versorgten Wunden, verabreichten selbst gemachte Rezepturen aus verschiedenen Kräutern. Magie, Religion und der Einsatz von Naturheilkräften gehörten in ihren Alltag. Auch die Vorsorge und die Rehabilitation flossen in ihr Aufgabengebiet mit hinein. Die Betreuung von Sterbenden war für sie ganz natürlich und gehörte zum Leben dazu. Die Einbeziehung der Familie in die Pflege und Heilung war für sie selbstverständlich.

 

4. Zusammenhängende Aspekte zur heutigen Krankenpflege

 

In der selbständigen Arbeitsweise der Heilkundigen Frauen und Ihren Stärken kann eine Verbindung zur heutigen Krankenpflege gezogen werden. Folgende Zusammenhänge in verschiedenen Bereichen lassen sich herstellen:

 

4.1 Prävention / Vorsorge

 

Die empirische Arbeitsweise führte dazu, dass die weisen Frauen und auch die Menschen in ihrem Umfeld, Zusammenhänge zwischen ihrer Art zu leben und der Entstehung von Krankheiten erkannten und verstanden. Aus diesem Wissen entwickelten sich Regeln und Vorschriften zur Verhinderung und auch Vorbeugung von Krankheiten. Ein Beispiel dafür ist das hygienische Verhalten bei einer Pestepidemie zur Vermeidung der Ausbreitung. Somit waren die weisen Frauen auch aktiv in der präventiven Gesundheitsversorgung beteiligt. Der Prävention wird leider in Deutschland zu wenig Bedeutung zugemessen. Erfahrungen aus den skandinavischen Ländern, z.B. in der Aufklärung zur Verminderung des Herzinfarktrisikos, zeigen dass dies in Zukunft ein autonomes Arbeitsgebiet für die Pflege sein könnte.

 

4.2 Krankenbeobachtung – Sammeln von Daten durch Beobachtung

 

Die Beobachtung am Menschen und das Erkennen von Zusammenhängen war damals eine große Stärke der heilenden Frauen. Auch heute ist gerade die Krankenbeobachtung oftmals wesentlich in der rechtzeitigen Einleitung pflegerischer Maßnahmen und einer Behandlungsmaßnahme. In der onkologischen Krankenpflege ist zum Beispiel das rasche Erkennen von Infektions- oder Blutungszeichen eine der wesentlichen Aufgaben der Pflege und kann für den Erfolg der Therapie entscheidend sein.

 

4.3 An der Person und ihrer Lebenswelt orientierte Ansätze

 

In der Betreuung der Patienten mussten früher automatisch immer die Gegebenheiten des Umfelds berücksichtigt werden. Damals gab es noch keine Krankenhäuser und Kliniken, deshalb wurde die Familie und die Angehörigen in die Behandlung miteinbezogen. Dieser „ganzheitliche“ Ansatz gewinnt heute wieder an Bedeutung, da die Verweildauer der Patienten in den Kliniken immer kürzer wird und die Versorgung von schwerkranken Patienten auch zu Hause gewährleistet sein muss. Hier ist die Miteinbeziehung der Familie und eine ganzheitliche, disziplin übergreifende Versorgung wesentlich. Die häuslichen Rahmenbedingungen und die Familienstruktur müssen berücksichtigt werden. Hier lässt sich eine Verbindung herstellen zu den amerikanischen Pflegetheorien mit holistischen Ansätzen wie z.B. das Adaptionsmodell von Callista Roy.

 

4.4 Patientenberatung

 

Die weisen Frauen waren Ratgeberinnen und wurden oft zur Beurteilung von Krankheitssymptomen hinzugezogen. Die Beratungsfunktion war sicherlich eine wichtige Aufgabe und selbstverständlich. Die frühe Entlassung aus den Krankenhäusern und die häusliche Betreuung erfordern heute immer mehr Beratung und Schulung. Dies kann eine Chance für die Pflege sein, zu einem selbständigen Tätigkeitsfeld zu gelangen. Gerade in meinem Arbeitsgebiet, der Kinderkrankenpflege besteht Bedarf, Experten für pflegerische Beratung gibt es derzeit aber noch zu wenig.

 

4.5 Rehabilitation

 

Die Förderung der Selbständigkeit der Patienten und die Rehabilitation waren ebenso wesentliche Elemente der Betreuung durch die Heilkundigen Frauen. Da für die Menschen damals, die Beweglichkeit und die Arbeitsfähigkeit für das Überleben notwendig waren. In der Krankenpflege von heute stellt die Wiedereingliederung in das soziale und berufliche Leben ein wichtiges Aufgabengebiet dar. Hier hat die Pflege durch relativ neue Pflegemaßnahmen, z.B. mit der Basalen Stimulation und die damit verbundene Förderung der Wahrnehmung eine wichtige pflegetherapeutische Rolle im interdisziplinären Rehabilitationsteam.

 

4.6 Wundbehandlung

 

Neben der Frauenheilkunde war die Wundbehandlung die größte Domäne der heilenden Frauen.

 

Heute hat sich gerade in der Dekubitusprophylaxe und -behandlung ein großer Kompetenzbereich der Pflege herausgebildet. Mit der Entwicklung eines nationalen deutschen Dekubitusstandards hat hier die Pflege ein Werkzeug in der Hand, welches teilweise sogar eine ärztlich unabhängige Wundpflege zulässt. Auch in anderen Bereichen gehört die Pflege von Wunden in den Bereich der Pflege. In der Kinderkrankenpflege ist selbstverständlich, dass eine erfahrene Kinderkrankenschwester oder -pfleger einen großen Einfluss in der Bestimmung der Behandlung- und Pflegemaßnahmen einer Windeldermatitis hat.

 

4.7 Palliative Pflege

 

Ein großes Wirkungsgebiet der kräuterkundigen Frauen war die Schmerzbehandlung. Davon lässt sich ableiten, dass die palliative Betreuung insbesondere von Sterbenden eine große Stärke dieser Frauen gewesen sein könnte. Wieder finden kann ich diese Stärke in der einer guten Sterbebegleitung der Krankenpflegekräfte in Krankenhäuser, in der Häuslichen Pflege und zunehmend auch in den neu entstehenden Hospizen. Mittlerweile entwickelt sich daraus ein neues Fortbildungs - und sogar Weiterbildungsangebot in der Palliativen Pflege, der so genannten „Palliativ Care“.

 

4.8 Alternative Pflegemethoden

 

Die Hexen und Heilkundigen Frauen arbeiteten vorwiegend mit Heilkräutern und der Naturheilkunde. Vor allem hier kann ein Verbindung zu alternativen Pflegemaßnahmen in der heutigen Pflege hergestellt werden. Dazu können folgende unterstützende und komplementären Maßnahmen zählen:

 

Wickel und Auflagen

 

Tees aus Heilpflanzen

 

Einreibungen, z.B. die Atemstimulierende Einreibung

 

Therapeutische Ganzkörperwaschungen

 

Basale Stimulation

 

Aromapflege

 

Kinästhetik

 

Diese Maßnahmen erfreuen sich steigender Beliebtheit, da sich auch viele Patienten und deren Angehörige nach alternativen und unterstützenden Maßnahmen umschauen. Viele der Maßnahmen können selbstverantwortlich und ohne ärztliche Verordnung durchgeführt werden und fördern damit die Eigenständigkeit und die Kompetenz der Pflegenden. Ratsam ist es aber solche Maßnahmen im Therapeutischen Team abzusprechen und das Ärzteteam darüber zu informieren. In einer Pflegestudie wurden von Ulmer und Anderen 2001, S. 191, das Spektrum und die Einsatzgebiete von alternativen Pflegemethoden untersucht. Sie stellten fest, dass sehr viele so genannte Hausmittel eingesetzt werden, meist aber relativ unsystematisch und mit subjektiven Erfolgen. Die Verfasserinnen plädieren für weitere wissenschaftliche Untersuchungen der alternativen Pflegemethoden. Für die Vielzahl der so genannten Hausmittel wird von den Autorinnen die Bergriffsbezeichnung „integrierte Pflege“ vorgeschlagen. Dies halte ich für eine gute Bezeichnung, da oftmals die Bezeichnung „alternative Pflege“ ein nicht wissenschaftlicher und somit ein suspekter Behandlungserfolg anhaftet. Weiter wird von Ulmer et al, S.202 bestätigt, dass durch den Einsatz von alternativer Pflegemaßnahmen die Selbstbestimmung der Patienten gefördert wird und somit eine verstärkte patientenorientierte Betreuung möglich ist.

 

5. Fazit

 

In meiner Darstellung der verschiedenen Verknüpfungspunkte zwischen den Heilkundigen Frauen und der Krankenpflege heute, habe ich durchaus Zusammenhänge und Stärken gefunden. Sie verdeutlichen die Möglichkeiten der Pflege, zur Selbstbestimmung und zur Eigenständigkeit. Eine große Bedeutung messe ich der Patientenberatung und -edukation zu. Gerade in meinem Bereich der Kinderkrankenpflege ist ein zunehmenden Bedarf an Schulung und Beratung der Patienten und deren Eltern vorhanden.

 

Durch die Zunahme von chronischen Erkrankungen sehe ich vor allem, in der Anwendung von integrativen Pflegemaßnahmen eine Chance die Handlungskompetenz von Pflegenden zu erweitern. Die Pflege könnte hiermit eine wichtige Rolle im therapeutischen Team übernehmen. Weitere Forschung wäre notwendig, um die bisher empirischen Erfahrungen der alternativen und komplementären Pflege zu evaluieren und zu bestätigen. In Zeiten der zunehmenden Kundenorientierung der Krankenhäuser, mit Förderung der Selbstbestimmung der Patienten, könnte der Patient und die Klinik von solchen Pflegemethoden ebenso profitieren.

 

Die eigenständige Pflege ist ein Teil unserer Geschichte und muss erst wieder mühsam erarbeitet werden. Dieser relative unbekannte Teil der Geschichte der Pflege, mit dem Ursprung bei den weisen Frauen, Hexen und Heilerinnen des Mittelalters, kann uns ein neues Selbstbewusstsein und damit auch einen größere Anerkennung geben. Wenn wir uns mehr an den Wurzeln in diesem Bereich orientieren, können wir vielseitig profitieren. Durch mehr Erforschung dieser Pflegetradition können wir zur einer neuen beruflichen Identität und Professionalisierung gelangen. Auch Jeanne Achterberg sieht eine Verbindung zwischen den Heilerinnen und der Krankenpflege. Sie schreibt: Das Wirken der Heilerinnen des letzten Jahrhunderts, ob nun als Krankenschwester, Ärztinnen, Lehrerinnen oder Geistliche ist ein Markstein der Zivilisation (Achterberg 1994).

 

Ich kann mich mit diesem Ursprung mehr identifizieren, als mit der Ordenskrankenpflege, der Kriegskrankenpflege oder der bürgerlichen Krankenpflegeentwicklung des 19. Jahrhundert. Vor allem da bei den Heilerinnen nicht die Aufopferungsbereitschaft und die Unterordnung im Vordergrund standen, sondern eine individuelle, unfassende, selbstverantwortliche und patientenorientierte Pflege. Aus diesem Ansatz heraus könnte sich ein anerkannter Stellenwert in einem interdisziplinären, therapeutischen Team entwickeln. Die gesellschaftliche und politische Anerkennung könnten die Folge sein.

 

Somit haben die weisen Frauen, Hexen und Heilerinnen eine Vorbildungsfunktion für eine patientenorientiertes und autonomes Berufsbild der Pflege im heutigen modernen Gesundheitssystem.

 

6. Literaturliste

 

· Achterberg Jeanne: Die Frau als Heilerin; Augsburg, 1994, 2 Auflage;

 

· Aßmann Christa: Pflegeleitfaden: Alternative und komplementäre Methoden; München, 1999, 2 Auflage;

 

· Bühring Ursel: Unterrichtsskript der Freiburger Heilpflanzenschule Ursel Bühring; Stegen,1999;

 

· Bischoff Claudia: Frauen in der Krankenpflege; Frankfurt a. Main, 1997, 3Auflage;

 

· Ehrenreich Barbara, English Deirdre: Hexen, Hebammen und Krankenschwestern; München, 1986, 12 Auflage;

 

· Franke-Handrich Brigitte: Die weisen Frauen – gelebte Vorbilder für eine emanzipatorische Krankenpflege; In Pflegezeitschrift, Heft 12/1998, S.1-8;

 

· Hoehl Mechthild: Kindergesundheit – Prävention durch Elternfortbildung; In Kinderkrankenschwester, Heft 12/2001, S 525-530;

 

· Meleis Afaf Ibrahim: Pflegetheorie; Bern 1999;

 

· Metzger Martina, Zielke-Nadkarni Andrea: Von der Heilerin zur Pflegekraft; Stuttgart,1998;

 

· Möller Ute, Hesselbarth Ulrike: Die geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege; Hagen, 1994;

 

· Reger Karl Heinz: Hildegard Medizin; München, 1989, 5 Auflage;

 

· Seidler Eduard: Geschichte der Pflege des kranken Menschen; Stuttgart 1980, 5 Auflage;

 

· Sonn Annegret: Pflegethema: Wickel und Auflagen; Stuttgart, 1998;

 

· Ulmer Eva-Maria und Andere: Der Einsatz von interaktionsintensiven pflegetherapeutischen Maßnahmen und von „Hausmittel“ in der Pflege; In Pflege, Heft 14/2001, S.191-205;

 

· Weiss Rudolf Fritz, Fintelmann Volker: Lehrbuch der Phytotherapie, Stuttgart 1999, 9 Auflage;

 

· http://www.tempora-nostra.de/artikel/hexen/hexref.shtml ; 13.02.02

 

· http://www.paranormal.de/hexen/mittelalter.htm ; 13.02.02

 

· http://www.pflegenet.com/wissen/lehrbuch/behandlungserbrechen.html ; 01.02.02

 

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