Reinkarnation aus Sicht der Kirche 3

 

FRÜHERE LEBENSLÄUFE ODER ERBSÜNDE?

 

Der Journalist: Gab es in der Frühzeit des so genannten Christentums bereits viele solcher Kämpfe?

 

Der Theologe: Ja. Während der prophetische Geist im jungen Urchristentum durch die amtskirchliche Entwicklung allmählich zum Schweigen gebracht wurde, verschwanden auch Grundlagen des urchristlichen Glaubens wie das Wissen um die Reinkarnation - im Jahr 389 ging zum Beispiel die große Bibliothek des Altertums in Alexandria in Flammen auf. Katholische Mönche der ägyptischen bzw. koptischen Kirche legten das Feuer im benachbarten "heidnischen" Serapis-Tempel und sowohl der Tempel als auch die Bibliothek brannten ab und mit ihnen wertvolle Dokumente des Urchristentums. Und die Kirche erfand neue Lehren. So entwickelte sie später zum Beispiel eine so genannte Erbsündenlehre, wonach jeder Mensch die Sünde von Adam geerbt habe, obwohl die frühen Christen noch wussten, dass die Seele ihre Belastungen aus früheren Erdenleben wieder mit in weitere Leben nimmt. Also keine Erbsünde. Sondern Belastungen und Prägungen aus Vorleben.

 

Der Journalist: Gibt es hierfür weitere Belege?

 

Der Theologe: Ja. Und es machte die Urchristen auch barmherzig gegenüber ihren Mitmenschen. Denn einem fiel es vielleicht leicht, eine bestimmte Fehlhaltung zu lassen. Ein anderer jedoch hat auf diesem Gebiet eine massive Belastung aus Vorleben in dieses Erdenleben mitgebracht und er tut sich um vieles schwerer als sein Nächster. Wer das weiß, der wird seinen Nächsten nicht richten oder verurteilen, sondern er wird ihm mit Verständnis begegnen, wenn jener ehrlich darum ringt, ein neuer Mensch zu werden, aber wenn es bei ihm etwas länger dauert als bei anderen.

 

Ich möchte an dieser Stelle als weiteren Beleg noch auf ein anderes Dokument hinweisen, das die Kirche komplett verbrennen wollte, weil es für sie zu gefährlich war. Es handelt sich um die Interpretationen der Evangelien von Basilides, einem Mann, der in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts in Alexandria lebte und von der katholischen Kirche als "Gnostiker", das heißt als "Ketzer" angesehen wurde. Es bestand offenbar eine Verbindung von Basilides zu dem Jesusjünger Matthäus und über einen Schüler des Petrus, Glaucus, auch zu Petrus (Zeitenschrift Nr. 9/1995). Aus den Informationen außerhalb der Bibel, die nicht von der Kirche vernichtet werden konnten, wird deutlich, dass auch Basilides einiges über Reinkarnation wusste. G.R.S. Mead schreibt: "Die Menschen leiden, sagt Basilides, durch das, was sie in früheren Lebensläufen begangen haben" (a.a.O., S. 226). Das Leiden kommt also nicht durch eine "Erbsünde" in das Leben des Einzelnen, wie es in den Kirchen stattdessen geglaubt werden muss.

 

Der Journalist: Ist die Erbsündenlehre nicht auch ungerecht?

 

Der Theologe: Wie ist es, wenn ich gemäß dieser Lehre schon als Kind unter dieser finsteren Macht leben muss und eventuell leide, obwohl ich das gar nicht verursacht habe? Das zählt dann in den Kirchen zu den "Geheimnissen Gottes", und es sind schon viele deswegen zurecht an diesem Kirchengott verzweifelt oder lehnen den Glauben an einen solchen Gott klar ab.

 

GIBT ES EINE BIBELSTELLE GEGEN REINKARNATION?

 

Der Journalist: Es gab aber offenbar in früherer Zeit auch einzelne Glaubenssaussagen gegen eine mögliche Reinkarnation. In kirchlichen Schriften wird hierzu immer die Bibelstelle in Hebräer 9, 27-28a zitiert: "Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht; so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen". So hat es Martin Luther übersetzt. Das Wort "einmal" ist dabei von den Bibelherausgebern der Lutherübersetzung auch noch unterstrichen.

 

Der Theologe: Wenn hier etwas von deutschen Übersetzern unterstrichen wird, dann zeigt das doch schon, dass dieser Satz nicht so ohne weiteres verständlich ist oder mit ihm irgendetwas nichts stimmt. Und sie können es in diesem Fall doch selbst leicht nachprüfen. Was glauben Sie, hat hier der Schreiber des Hebräerbriefes mit dieser Satzkonstruktion aussagen wollen?

 

Der Journalist: Das ist eben auf Anhieb nicht so klar. Ich muss es erst noch einmal lesen und mich da hinein denken. Jesus, das ist immer einfach und klar. Doch Kirche, das ist meist etwas Kompliziertes und Unlogisches. Aber ich werde mich einmal in diesen Satz hineindenken. Die Unterstreichung des Wortes "einmal" durch die lutherischen Übersetzer soll den Leser wohl dazu bringen, dass er denken soll, es gehe hier möglicherweise darum, nur einmal zu sterben anstatt zweimal oder öfters. Ohne die Unterstreichung dieses Wortes durch die deutsche Bibelgesellschaft würde ich den Satz aber anders lesen. Ich würde in diesem Satz normalerweise die Wörter "sterben" und "geopfert" betonen. Also wortwörtlich heißt es dann: "Und wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen."

So wäre es für mich am logischsten. Denn jeder Mensch muss eben einmal sterben. Und "im Gericht", wie es dann weiter heißt, erntet er im Jenseits dann die Folgen seines Handelns. Es sei denn, Christus hätte ihm durch sein "Opfer" die Sünden zuvor weggenommen, was der Schreiber dieses Briefes glaubt. Doch über diese Sühnopferlehre im Hebräerbrief haben wir ja schon gesprochen, dass sie heidnisch ist und gar nichts mit Christus zu tun hat und dass sie nicht stimmt (siehe hier). Aber um dieses Thema des vermeintlichen Opfers würde es für mich bei diesem Satz hier gehen, wenn ich ihn ganz normal lese. Mit Reinkarnation oder Nicht-Reinkarnation hat das nichts zu tun.

 

Der Theologe: Diese Sühnopferlehre, wie sie hier behauptet wird, kommt auch in der Bibel nur in diesem Hebräerbrief vor bzw. in Ansätzen bei Paulus [siehe dazu auch hier]. Jesus hat, wie gesagt, solches nicht gelehrt, und mit Gott hat es auch nichts zu tun. Denn der Schöpfergott braucht kein Menschenopfer zur angeblichen Besänftigung Seines Zorns wie dies in mörderischen Götzenkulten geglaubt wird. Und die Kirche weiß ja noch nicht einmal, wer diesen Hebräerbrief überhaupt geschrieben hat und wer ihn in ihre Bibel hinein geschleust hat. Man ist sich in der theologischen Wissenschaft nämlich weit gehend einig, dass der Brief nur deshalb in die Bibel hinein gekommen sei, weil einige damalige Kirchentheologen glaubten, dass wohl Paulus der Verfasser sein müsste, was heute aber mehrheitlich bestritten wird.

 

Und nun die berüchtigte Stelle in Kapitel 9, 27 selbst, die bibelgläubigen Menschen immer wieder als Argument gegen die Reinkarnantion genannt wird. Sie ist in der Tat kein Beleg gegen eine mögliche Reinkarnation, wie die kirchlichen Reinkarnationsleugner so gerne behaupten. Denn erstens: Die Betonung bzw. Unterstreichung des Wortes "einmal" kommt ja von den kirchlichen Theologen und sie steht überhaupt nicht im Urtext. Damit wird dem Verfasser des Hebräerbriefes von den späteren Theologen in den Mund gelegt, er hätte hier gemeint, dass jede Seele nur "einmal" als Mensch auf der Erde lebe und folglich als Mensch "nur" einmal sterben müsse. Dann zweitens: Die Bibelstelle ist insgesamt verworren, weswegen es eben ganz unterschiedliche Interpretationen gibt. Kein normaler Mensch würde so reden. Deshalb gehen viele Theologen auch von einer Verstümmelung dieses Satzes bzw. einer späteren Veränderung aus.

 

Und es kommt für die Kirche drittens noch schlimmer: Die evangelisch-katholische Einheitsübersetzung der Bibel "übersetzt" den Beginn von Hebräer 9, 27 sogar mit den Worten: "Und wie es den Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben ..." Jetzt wird also von der kirchlichen Übersetzern kräftig gemäß des kirchlichen Dogmas nachgelegt und die Bedeutung dieses Satzes wird noch weiter manipuliert. Wie schon bei der Stelle in Jakobus 3, 6, wo eindeutig vom "Rad der Geburt" die Rede ist [siehe hier], wird die Bibel auch hier durch die "Übersetzung" verfälscht. Im griechischen Urtext steht nämlich gar nicht "ein einziges Mal".

Warum steht es dann aber in der deutschen Übersetzung? Die Kirchen haben auch mit dieser manipulierten "Übersetzung" offenbar gezielt einen Seitenhieb gegen das Urwissen der Reinkarnation anzubringen versucht. Doch diesem Hieb fehlt die sprachliche Grundlage. Das griechische Wort "hapax" heißt nämlich schlicht "einmal" und es könnte auch mit "erst" wieder gegeben werden. Deshalb übersetzte Luther in diesem Fall richtig [siehe oben]. Zwar könnte man das Wort "hapax" in Ausnahmefällen auch mit "ein für allemal" übersetzen, doch die Sonderbedeutung "ein für allemal sterben" ist hier eben nicht gemeint, und sie würde der Kirche wegen ihres Auferstehungsglaubens ja auch wieder nicht gefallen. Also "übersetzte" man einfach dreist mit "ein einziges Mal", obwohl das hier schlicht nicht steht. Daran sieht man einmal mehr, wie sich die Kirche ihre Bibel nach ihrem Gutdünken zurecht biegt.

 

Doch es gibt sogar noch ein viertes Argument gegen den kirchlichen Irrsinn. Selbst dann, wenn der Autor hier "einmal" im Sinne von "ein einziges Mal" gemeint hätte und selbst dann, wenn weiterhin dieser Satz tatsächlich ursprünglich so formuliert worden wäre, ist das noch immer keine Aussage gegen die Reinkarnation: Denn ein solcher Satz stimmt ja auf eine gewisse Weise sogar: Als der bestimmte Mensch XY muss dieser bestimmte Mensch XY ja tatsächlich nur "einmal" bzw. "ein einziges Mal" sterben. Und wenn seine Seele einst einmal in einem anderen Menschen wieder inkarniert sein sollte, dann muss dieser Mensch eben wiederum "einmal" sterben. Für den jeweiligen Menschen stimmt es so. Und die Seele ist ohnehin unsterblich - völlig unabhängig davon, ob sie nun einmal, zweimal, überhaupt nicht oder viele Male inkarniert.

 

Das ganze Hickhack um diese Bibelstelle Hebräer 9, 27 ist also völlig überflüssig. Es besagt zum Thema "Reinkarnation" nichts. Dass ich hier darauf eingehen muss, ist aber nicht meine Schuld. Sondern es liegt am Chaos der kirchlichen Bibelmanipulateure, welche die Menschen in die Irre führen. Man kann denn Leuten nur raten, ihre Energie nicht mit solchem Unsinn zu vergeuden. Die Wahrheit ist einfach, nur die Lüge ist kompliziert.

 

Der Journalist: Ich betrachte die Auseinandersetzung um diese Bibelstelle ebenfalls als ein Ärgernis. Aber es zeigt mir vor allem eines: Was für die Kirche nicht sein soll wie die Möglichkeiten der Wiederverkörperung, das darf eben nicht sein. Dafür werden dann trickreich Argumente konstruiert und an den Haaren herbei gezogen.

 

Der Theologe: Zusammenfassend kann man sagen: Auch dieser in der Kirche besonders beliebte Bibelvers und sein Zusammenhang sind kein Dokument gegen das Urwissen um die Reinkarnation. Und er ist in seiner Unklarheit zugleich keine besonders gute "Werbung" für die Bibel.

 

VOM BLIND GEBORENEN

 

Der Journalist: Eine weitere Frage: Wie ist das beim Leiden von Kindern? Die Kirchenlehre, dies sei eben durch die Erbsünde bedingt und ein Geheimnis Gottes, halte ich für zynisch. Konsequent zu Ende gedacht würde die urchristliche Lehre der Reinkarnation auch darauf eine schlüssige Antwort geben. Das Leiden von Kindern hätte dann auch seine Wurzeln in früheren Leben.

 

Der Theologe: Konkret: Wie wäre es zum Beispiel bei einem Kind, das behindert auf die Welt kommt? Nach kirchlicher Lehre hätte Gott dieses Kind "behindert" geschaffen, wobei die behinderte Form seines Leibes der "Substanz" seiner Seele entspräche, die Gott so erschaffen hätte. Gott hätte also eine behinderte Seele neu erschaffen. So die erneut hanebüchene Lehre der römisch-katholischen Kirche über das Verhältnis von Leib und Seele gemäß dem Lehrwerk von Neuner-Roos, Lehrsatz Nr. 329. Ein anderes Kind hingegen hätte Gott "gesund" erschaffen. "Was ist das nur für ein Gott?" könnte man auch hier wieder fragen.

 

Auch Jesus und seine Anhänger sprechen einmal über dieses Thema. Ein Beispiel dafür findet sich in der Bibel, im Johannesevangelium, Kapitel 9. Die Stelle beweist, dass auch die Jünger von Jesus die Reinkarnation selbstverständlich voraussetzen. Es heißt dort: "Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist" (V. 2)?

Wenn ein Blindgeborener möglicherweise deswegen dieses Schicksal trägt, weil er zuvor gesündigt hat, dann geht man eindeutig von einem Vorleben und einer Reinkarnation aus. Die Antwort, die Jesus laut Johannes gibt, richtet die Aufmerksamkeit dann aber nicht auf das Vorleben, sondern auf etwas anderes. Demnach sagt Jesus, weder dieser noch seine Eltern hätten gesündigt, "sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm" (V. 3). Sind also folglich noch andere Ursachen möglich? War die Seele dieses Menschen eventuell aus anderen Gründen bereit, dieses Schicksal auf der Erde freiwillig anzunehmen? War ihr vielleicht bewusst, dass durch die spätere Heilung die "Werke Gottes" verherrlicht würden und die Menschen auf Jesus, den Christus aufmerksam werden?

 

In der Schrift Das ist Mein Wort ist das Jesuswort etwas anders überliefert als in der Bibel. Es heißt dort: "Was besagt es, ob dieser gesündigt hat oder seine Eltern, sofern die Werke Gottes offenbar werden an ihm." Und Christus erklärt darin wie folgt: "Ihr sollt nicht auf die Sünde blicken und nicht fragen, wer gesündigt hat. Keiner kann für den anderen abtragen - es sei denn, er kam als Dulderseele für einen anderen Menschen in diese Welt. Wenn jedoch Menschen durch Sünde aneinander gebunden sind, dann sind alle an der Sünde beteiligt, zum Beispiel Eltern und Kind" (Das ist Mein Wort, a.a.O., S. 612 f.).

Die Reinkarnation wird hier also nicht zum Hauptthema gemacht, während in der biblischen Version der Stelle dieses Wissen verdunkelt wird. Gegen Reinkarnation wird aber auch in der Version der Bibel nicht gesprochen.

Gemeinsam haben beide Versionen: Jesus befriedigt nicht die Neugier der Jünger, und er ermahnt sie, sich nicht über das "Karma" anderer Gedanken zu machen. "Es sollen die Werke Gottes offenbar werden", darum geht es.

 

Der Journalist: Was ist mit "Dulderseele" gemeint?

 

Der Theologe: Hier hilft eine Seele der anderen beim Tragen einer Seelenschuld. Auch dieses Christuswort macht deutlich, dass die Möglichkeiten im "Gesetz von Saat und Ernte" vielfältig sind.

 

Der Journalist: Jesus heilte hier den Blindgeborenen. Solche so genannte Wunder erleben aber die meisten Menschen nicht.

 

Der Theologe: Auch wenn die meisten Menschen keine solchen Erfahrungen machern, so kann ihn doch das Wissen um die geistigen Gesetzmäßigkeiten helfen.

Ein Beispiell: Eine mir bekannte blinde Frau haderte als Jugendliche jahrelang und suchte nach einer Erklärung, dass ausgerechnet sie blind sei. Mit ihrem geschulten Verstand fragte sie auch nach der Logik darin. Als sie dann erstmals von Reinkarnation hörte, war es für sie wie eine Befreiung. Sie lernte ihr Schicksal anzunehmen, zu verstehen und zu meistern.

Und wer weiß, was morgen sein wird? Der Geheilte in der Geschichte war ja auch zuerst viele Jahre lang blind.

 

Der Journalist: Die Lehre von Saat und Ernte und von den Reinkarnationen erscheint auch logischer als die Lehre von einem unberechenbaren und willkürlichen Schicksal oder von einem angeblich "geheimnisvollen" Gott.

 

Der Theologe: Wichtig sind die Konsequenzen, die jemand aus einem bestimmten Glauben zieht. Deshalb noch einmal zur Klarstellung: Es entspricht nicht dem christlichen Glauben, wenn ein Außenstehender aus persönlichem Interesse über Vorleben seiner Mitmenschen spekuliert. Als Christ ist ihm die Aufgabe gegeben, sich in seinen Nächsten und seine Not einzufühlen, ihm in seiner Situation beizustehen und zu helfen. Dies gilt natürlich erst recht Kindern gegenüber, die sich noch nicht selbst helfen können. Oder denken Sie an Kinder, die ihre Eltern verloren haben, vielleicht in einem Katastrophengebiet der Dritten Welt. Ein Christ entwickelt zuallererst das Mitgefühl und er weiß um die unendliche Liebe Gottes, die allen Menschen ohne Unterschiede gleich gilt.

Und dazu habe auch ich noch eine Frage: Könnte es nicht sein, dass eine Seele, die vielleicht schon sehr reif und nahe bei Gott ist, sich entscheidet, noch einmal in ein Kind zu inkarnieren, dessen Körper schon bald nach seiner Geburt hinscheidet? In der Kürze der Zeit kann die Seele womöglich ihre restliche Belastung tilgen und die im Kind inkarnierte Seele kann dann frei in die himmlischen Welten zurück kehren. Welch ein Trost könnte das für verzweifelte und trauernde Eltern sein, deren Kind gestorben ist! Stattdessen macht ihnen der Pfarrer weis, es sei ein "Geheimnis Gottes".

 

HIOB

 

Der Journalist: Wie ist es in der biblischen Erzählung von Hiob?

Dort ist weder von Reinkarnation die Rede noch von "Saat und Ernte" noch von einer "Dulderseele". Hiob leidet gemäß der Bibel unschuldig und er ringt mit seinem Schicksal.

 

Der Theologe: Die Bibel gibt selbst eine Antwort darauf, warum er leidet. Er darf von der Finsternis angegriffen und geprüft werden (Kapitel 1 und 2). Es ist ähnlich wie bei Jesus. Und um Reinkarnation geht es in diesem Buch nicht.

 

Der Journalist: Leidet er dann aufgrund eines göttlichen Auftrags, wie wir das schon bei Jesus von Nazareth besprochen haben?

 

Der Theologe: Das ist möglich. Er wird auf jeden Fall als "Knecht" Gottes bezeichnet (z. B. Hiob 42, 7), was auf einen Auftrag hinweist. Und gleich im ersten Vers des Buches heißt es: Er "war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse" (1, 1). In den Kirchenlehren wird er deshalb als eine Art "Kronzeuge" gegen das "Gesetz von Ursache und Wirkung" missbraucht.

 

Der Journalist: Können Sie das näher erläutern?

 

Der Theologe: Im gesamten so genannten "Alten Testament" gilt das "Gesetz von Saat und Ernte", im wissenschaftlichen Sprachgebrauch sagt man dazu auch "Tun-Ergehens-Zusammenhang". Nur bei Hiob gelte das Gesetz laut Kirche scheinbar nicht. Daraus haben viele Theologen sinngemäß abgeleitet, das Bewusstsein der Menschen in den übrigen Schriften wäre eben noch nicht so weit entwickelt gewesen. Wo die Menschen an "Saat und Ernte" glaubten, hätten sie noch in überschaubaren einfacheren Zusammenhängen gelebt und auch einfache Antworten auf ihre Fragen bekommen.

Hiob sei dann so etwas wie ein Vorbote der Moderne, wo das Gesetz von Saat und Ernte angeblich nicht mehr greife, und das Buch Hiob sei damit eine Art Weiterentwicklung des "alttestamentlichen Glaubens". Doch kann das stimmen? "99-mal" ist das Gesetz von Saat und Ernte im "Alten Testament" eindeutig, nur einmal nicht. Und so kommt es auch der Wirklichkeit nahe: "99-mal" sind die Zusammenhänge klar, einmal scheinbar nicht. Hiob leidet offenbar nicht - wie andere - wegen eines Fehlverhaltens. Er leidet aufgrund von Angriffen, die das Ziel verfolgen, ihn zu Fall zu bringen, indem er sich gegen Gott wendet.

Der Hintergrund: Wer auf der Seite Gottes steht, darf von der "Finsternis" geprüft werden. Solche Situationen sind bei echten Gottesboten vorgekommen und deshalb hat auch die eine Hioberzählung Platz neben den "99" anderen. Sie ist keine Kronzeugin gegen die anderen "99" Beispiele.

 

Der Journalist: Viele Theologen sagen, manches in der Bibel sei märchenhaft oder nur symbolisch verstehbar, zum Beispiel, wie der "Satan" über diese Prüfung Hiobs mit Gott verhandelt.

 

Der Theologe: Auch ich habe im Studium gelernt, dass um die "eigentliche" Hiobgeschichte nachträglich ein "erzählerischer Rahmen" gelegt worden sei.

Der "Rahmen" beinhaltet allerdings die schlüssige Erklärung, dass es sich um eine Prüfung Hiobs handelt. Sagt man, der Rahmen sei nicht ursprünglich, sondern märchenhaft und nachträglich hinzugefügt, öffnet man wieder die Türe für neue theologische Spekulationen um ein angebliches "Geheimnis Gottes" in der angeblich "eigentlichen" Hioberzählung.

Andere Theologen versuchen auch, das Leiden Hiobs auf soziale oder politische Gründe zurückzuführen, worüber man natürlich nachdenken kann. Doch in der biblischen Erzählung heißt es schlicht und klar: Wer sich für ein Leben nach den Geboten Gottes entscheidet, darf von den Mächten der "Finsternis" geprüft werden.

 

WIE DIE BIBEL ANGEPASST WURDE

 

Der Journalist: Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, wie die Interessen des Theologen bzw. des Bibellesers auf die Auslegung einwirken können. Wir haben ja schon darüber gesprochen, wie mit Interessen sogar Übersetzungen manipuliert werden. Gibt es noch mehr Beispiele dieser Art?

 

Der Theologe: Ja. Manche lesen aus einer bestimmten Bibelstelle das Gegenteil von dem heraus, was ein anderer darin findet. Oft genügt dann genaues Lesen, um zu verstehen, wie es gemeint ist.

Dazu möchte ich einmal einen Satz von Jesus von Nazareth zitieren. Als Petrus bei der Gefangennahme von Jesus mit dem Schwert einen Mann aus der Anhängerschaft der Hohenpriester schwer verletzt hat, heilt Jesus die Verletzung und ermahnt Petrus: "Steck Dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" (Matthäus 26, 52). So ist die Stelle in der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung richtig wiedergegeben.

Damit erinnert Jesus den Petrus an das Gesetz von Saat und Ernte: Wer einen anderen tötet, der wird einst nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung - in diesem oder einem weiteren Leben - mit dem Schwert getötet werden. Es sei denn, die Tat würde zuvor bereinigt.

Der Theologe Martin Luther dreht den Sinn jedoch ins Gegenteil und macht daraus ein "Gesetz des Schwertes", eine angebliche Aufforderung von Jesus an den Staat zur Todesstrafe.

Das Wort von Jesus sei nach Luther "zu verstehen wie 1. Mose 9, 6: ´Wer Menschenblut vergießt` usw. [dessen Blut soll wieder durch Menschen vergossen werden] Ohne Zweifel verweist Christus mit diesem Wort auf jene Stelle und will damit jenen Spruch [neu] einführen und bestätigen", so Martin Luther (Die weltliche Obrigkeit und die Grenzen des Gehorsams, in: Luther Taschenausgabe, Band 5, Berlin 1982, S. 112).

Zur Begründung seiner Lehre gibt Martin Luther die Stelle im Matthäusevangelium nun in anderer Übersetzung wieder. Bei ihm heißt es nämlich: "Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen." Doch was ist nun richtig? "Wird" oder "soll"? Im griechischen Urtext steht Futur, was man in der Regel mit "wird umkommen" bzw. "werden umkommen" übersetzt, wie im Deutschen auch. Wäre "soll" das richtige Wort, könnte man dies durch einen griechischen Imperativ besser und unmissverständlich ausdrücken. Doch der steht nun mal nicht da. Auch hier gilt: Die Wahrheit ist einfach. Die Lüge des Theologen Luther kompliziert.

 

Der Journalist: Martin Luther sagt sogar, "ohne Zweifel" sei das so zu verstehen, wie er es deutet, und er fühlt seine Deutung auch durch das Alte Testament bestätigt.

 

Der Theologe: Dort hat er den Sinn genauso uminterpretiert. Auch bei der hebräischen Zeitform in 1. Mose 9, 6 gäbe es grundsätzlich zwei Übersetzungsmöglichkeiten.

Die seltenere Möglichkeit lautet: Das Blut "möge ... vergossen werden" [Hebräisches "Jussiv" als Ausdruck eines Wunsches]. Die nahe liegende Möglichkeit heißt jedoch: Das Blut "wird vergossen" [Hebräisches "Imperfekt"], also auch hier Saat und Ernte.

Für diese Übersetzung wird sich auch im wissenschaftlichen Standardwerk für Übersetzungen, dem hebräischen und aramäischen Handwörterbuch von Wilhelm Gesenius (Berlin/Göttingen/Heidelberg 1962) entschieden.

Das hebräische "Imperfekt" bringt den Aspekt des Unvollendeten, Dauernden, Werdenden zum Ausdruck. Und das passt hier genau: Im Augenblick des Mordes beginnt für den Mörder die Zeit nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung zu laufen. Noch ist die Wirkung "nicht vollendet", doch die Ursache wirkt, wenn sie nicht bereinigt ist, "dauernd" und "wird" früher oder später die Wirkung bringen. In dem noch Unvollendeten liegt die Chance der Reue, der Bitte um Vergebung und der Wiedergutmachung. Wichtig ist hierbei, dass die Seele des Ermordeten, die im Jenseits weiterlebt, ihrem Mörder verzeiht.

 

Während die Wirkungsweise des Gesetzes von Saat und Ernte bis in solche Feinheiten hinein im hebräischen Text angelegt ist, entscheidet sich Martin Luther für die andere Möglichkeit und damit für einen ganz anderen Sinn und er schießt bei seiner Übersetzung dann auch noch über das Ziel hinaus. Aus dem abwägenden "möge vergossen werden" wird bei ihm ein forderndes "soll vergossen werden". Doch das ist hier nicht mehr Bibel. Das ist Martin Luther, der seine maßlosen Forderungen nach Todesstrafen [siehe dazu Der Theologe Nr. 3] in diese Bibelstelle hinein deutet. So wie es auch die alttestamentlichen Priester vor ihm gemacht haben, die ihre Todesurteile gegen unzählige Menschen aus diesen Worten abgeleitet haben.

 

Der Journalist: Es ist also nicht unbedeutend, in welcher Bibel man liest. Kann man sagen: Bibel ist nicht gleich Bibel?

 

Der Theologe: Das stimmt. Doch die evangelisch-katholische Einheitsübersetzung verdreht dafür eine andere Stelle entscheidend, die bei Luther einmal zutreffend wiedergegeben ist. Ich denke an das 5. Gebot.

Das 5. Gebot heißt "Du sollst nicht töten" (2. Mose 20, 13).

In der Einheitsübersetzung wurde es jedoch verändert in "Du sollst nicht morden" - offenbar, um doch ein Schlupfloch zu lassen für Ausnahmen, zum Beispiel kirchliche Tötungserlaubnisse im Krieg.

Das stärkere Wort "morden" für "töten" könnte nun in der hebräischen Sprache ebenfalls zum Ausdruck gebracht werden. Von dieser Möglichkeit, nämlich der Verdopplung des mittleren von drei Buchstaben [hebräische "Piel"-Form], macht aber der in dem wissenschaftlichen Standardwerk Biblia Hebraica Stuttgartensia wiedergegebene Urtext gerade keinen Gebrauch, so dass dessen Übersetzung mit "Du sollst nicht töten" auch von daher zutreffend ist. Das bedeutet: Nicht töten, ohne Ausnahme. Auch hier: Die Wahrheit ist einfach, die vermeintliche Ausnahme kompliziert.

 

AUGE UM AUGE, ZAHN UM ZAHN ?

 

 

Der Journalist: Übersetzungen der Bibel sind also manchmal Fälschungen.

 

Der Theologe: Schon Luther klagte, es sei ein "beschwerliches Werk, die hebräischen Erzähler zu zwingen, Deutsch zu reden. Wie sträuben sie sich, ... gleich als ob man eine Nachtigall zwänge, ihren melodischen Gesang aufzugeben und den Kuckuck nachzuahmen, dessen eintönige Stimme sie verabscheut" (zitiert nach Pinchas Lapide, Ist die Bibel richtig übersetzt?, Gütersloh 1986, S. 19).

Doch es geht eben bei Übersetzungen nicht nur um veränderte Melodien. Hinzu kommen Bedeutungsverschiebungen durch Überlieferungen und Übersetzungen, je nach Bewusstsein des Übersetzers. Außerdem wurden verschiedene Schriften durch Priester und Theologen auch plump gefälscht, die zum Beispiel ihre Opfervorschriften Gott in den Mund schoben [vgl. dazu auch "Der Theologe Nr. 8" - Wie der Teufel in der Bibel hauste].

 

Der Journalist: Wie ist es mit der Stelle "Auge um Auge, Zahn um Zahn"?

 

Der Theologe: Auch diese Stelle (2. Mose 21, 24) ist ein Beleg für das Gesetz von Ursache und Wirkung. Das heißt, dieses Gesetz rechnet früher oder später exakt ab. Doch die Bibelstelle wurde in eine Erlaubnis zur Vergeltung uminterpretiert und der Inhalt damit ebenfalls verfälscht.

Diese Vergeltungstheorie weisen übrigens auch jüdische Wissenschaftler zurück und deuten die Stelle im Sinne von Entschädigung und Wiedergutmachung bei Körperverletzung. Der bekannte jüdische Philosoph Martin Buber übersetzt in diesem Sinne "Augersatz für Auge; Zahnersatz für Zahn" (zitiert nach Lapide, a.a.O., S. 68).

Martin Luther verwendet auch hier "soll" statt "wird": "Schaden um Schaden, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er einem Menschen verletzt hat, so soll man ihm auch tun ... wer aber einen Menschen erschlägt, der soll sterben" (3. Mose 24, 19.20, Lutherübersetzung; vgl. auch 2. Mose 21, 12 ff.).

 

Der Journalist: Martin Luther fordert ja Todesurteile und Tötungen gegenüber zahlreichen Bevölkerungsgruppen, darunter Andersgläubige, auch wenn diese friedfertig sind.

 

Der Theologe: Und er beruft sich dabei auf seine eigenen Bibelübersetzungen bzw. Bibeldeutungen [vgl. zu diesem Thema: "Der Theologe Nr. 1" - Wer folgt Luther nach, und wer folgt Christus nach? und "Der Theologe Nr. 3" - So spricht Martin Luther - so spricht Jesus von Nazareth].

Luther fordert, vereinfacht gesagt, einen "totalitären" Staat, das so genannte "Reich zur Linken Gottes". Daneben soll es ein "Reich zur Rechten Gottes" geben, das von der Kirche repräsentiert wird. Dort gibt man dem "Reich zur Linken" die Ethik vor, sagt also, was die Politiker zu tun haben. Nach dieser Lehre kann also die Kirche den Staat "lenken", obwohl Staat und Kirche äußerlich getrennt sind. Diese Staatslehre hat Luther auch in die Bibel hinein interpretiert. Das wäre ein Thema für eine eigene Ausgabe dieser Zeitschrift [vgl. dazu den Aufsatz in "Der Theologe Nr. 4"].

Entscheidet man sich für die nahe liegendste und korrekte Übersetzung der Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Stelle, erkennt man die Bedeutung: Es ist hier keine Aufforderung an einen Staat zum Töten ausgesprochen, sondern auch hier wird auf das Gesetz von Saat und Ernte hingewiesen: "Wie er einen Schaden zugefügt hat, so wird ihm zugefügt werden ... wer einen Menschen erschlägt, der wird getötet werden." Ohne rechtzeitige Bereinigung durch Bitte um Vergebung und Vergebung "wird" er einst getötet werden - und zwar durch das Gesetz von Saat und Ernte.

 

JESUS LEHRTE DAS GESETZ VON SAAT UND ERNTE

 

Der Journalist: Wie hat es Jesus mit der Lehre von Saat und Ernte gehalten? Wenn es so klar ist, dann müsste man das doch auch in der Lehre von Jesus so wiederfinden.

 

Der Theologe: Ja. So ist es auch. Auch Jesus lehrt das Gesetz von Saat und Ernte bzw. er setzt es bei allen seinen Lehren selbstverständlich voraus. Nur einige wenige Beispiele dafür:

In der Bergpredigt, so wie sie im Matthäusevangelium überliefert ist, sagt er unter anderem: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden" (Matthäus 7, 1-2).

Bei Krankenheilungen weist Jesus auf den Zusammenhang zum Glauben des Betroffenen hin und sagt: "Dein Glaube hat dich gesund gemacht" (Markus 5, 34). Offensichtlich ist bei Jesus der Zusammenhang zwischen Heilung und Sündenvergebung. Einem Gelähmten vergibt er zuerst die Sünde. Und danach ist auch der Weg für eine körperliche Heilung frei (z. B. Markus 2, 1-12). Und einem anderen Geheilten sagt er: "Siehe du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht Schlimmeres widerfahre" (Johannes 5, 19).

Oder es heißt in einem Gleichnis: "Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest. Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast" (Matthäus 5, 25-26). Hier geht es darum, sich mit dem "Gläubiger" bzw. "Gegner" zu versöhnen bzw. zu einigen, bevor die Schuld exakt abgegolten werden muss.

Es ließen sich noch Dutzende von weiteren Beispielen aufzählen, wo Jesus das Gesetz von Saat und Ernte in immer neuen Varianten erklärt. Nach einem Unglücksfall mit 18 Toten - ein Turm war eingestürzt - sagt Jesus zum Beispiel, die Opfer seien nicht etwa schuldiger als die übrigen Einwohner der Stadt. Dann fügt er aber hinzu: "Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen" (Lukas 13, 4-5). Mit anderen Worten: Bei den 18 Opfern trat zu diesem Zeitpunkt eine Wirkung bereits als Schicksal ein, bei den anderen bahnt sich ein ähnliches Schicksal an, wenn sie nicht bereinigen. Und so erfüllte es sich leider auch: Einige Jahre später, im Jahr 70, wird Jerusalem von den Römern erobert. Tausende Menschen kommen dabei ums Leben.

 

"AN IHREN FRÜCHTEN SOLLT IHR SIE ERKENNEN"

 

Der Journalist: Kann man also sagen, das Unglück von Siloah war für viele Überlebende ein Fingerzeig, eine Warnung? Und Jesus hatte die Deutung gleich mitgegeben?

 

Der Theologe: Wer nicht vom Unglück betroffen war, konnte sich wieder die "Gnadenzeit" bewusst machen, die ihm geschenkt war, um sein Leben erneut nach dem Geboten Gottes auszurichten und eine gute Saat in den "Acker des Lebens" zu säen.

In einem der Gleichnisse vergleicht Jesus sein Wort auch mit einer Saat, die auf unterschiedlichen Boden fällt. Je nach Bodenqualität, sei es ein Weg, ein felsiger Boden, seien es Dornen oder ein guter Boden, wird die Ernte sein (z. B. Markus 4, 1-20).

Die Ausgangsbedingungen bei der Saat bestimmen also die Ernte. Oder in einem anderen Bild gesprochen: Die Früchte eines Baumes entsprechen der Qualität des Baumes bzw. seines Standorts. Jesus weist auch in der Bergpredigt darauf hin: "So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen" (Matthäus 7, 17-18).

Die Schlussfolgerung daraus im Hinblick auf die Menschen ist: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" (V. 20).

Gute Früchte, also gute Ernten, weisen auf einen entsprechenden Baum bzw. eine entsprechende Saat hin, schlechte Früchte ebenfalls.

 

Der Journalist: Spricht Jesus nicht von den "Früchten", um echte von falschen Propheten zu entscheiden?

 

Der Theologe: Es gilt für Propheten. Es gilt aber auch für jeden anderen Menschen. Entscheidend ist nicht das Wissen, das jemand hat oder die Worte, die er macht. Sondern das, was er tut. So könnte eine wichtige Frage immer lauten: Wenn ich das und das tue, was hat mein Nächster davon?

 

Anhang:

REINKARNATION - DIE LEUGNUNG DES URWISSENS DER MENSCHHEIT

DURCH DIE KIRCHE

 

Wir leben in einer mächtigen Umbruchszeit. In dieser Zeit berührt auch das geistige Wissen immer mehr Menschen, und diese können sich in ihrem Leben dadurch auf eine gute Art und Weise neu orientieren. Doch die Kirche, die weiterhin ihr abstruses Dogmengebäude als "heilsnotwendig" betrachtet, stemmt sich dagegen - wie in allen früheren Zeiten auch, wenn eine positive Entwicklung einsetzte (z. B. Aufklärung, Menschenrechte, Gleichberechtigung der Frau, Abschaffung der Sklaverei, Religionsfreiheit und Toleranz, Pazifismus und in neuerer Zeit: Tierrechte, Einheit der Schöpfung usw.). Und so stellt sie sich auch heute gegen das Urwissen um die Reinkarnation.

 

 

Die Lehrsätze der Kirche

 

Lehrsatz Nr. 891 - "Wer sagt oder glaubt: die Strafe der bösen Geister und gottlosen Menschen sei nur zeitlich und werde nach bestimmter Zeit ein Ende nehmen, und dann komme eine völlig Wiederherstellung (Apokatastasis) der bösen Geister und gottlosen Menschen, der sei ausgeschlossen."

 

Lehrsatz Nr. 895 - "Die Strafe für die Erbsünde ist der Ausschluss von der Anschauung Gottes, die Strafe für die persönliche Sünde aber ist die Pein der ewigen Hölle."

 

Zitiert nach: Josef Neuner, Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, Regensburg 1991, 13. Auflage; siehe hier

 

In der Zeitschrift für Religion und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen in Berlin, Nr. 6/2009, ist dazu ein Grundsatzartikel von Dr. phil. Christian Ruch veröffentlicht. Der in der Schweiz lebende deutsche Intellektuelle ist Mitglied der römisch-katholischen Arbeitsgruppe "Neue religiöse Bewegungen" der Schweizer katholischen Bischofskonferenz. In dieser Funktion arbeitet er praktisch als offizieller römisch-katholischer Sektenbeauftragter, und er reist mit Vorträgen durch Deutschland und die Schweiz.

 

Kirchliche Dogmatik: Das "unsägliche Leiden" theologisch "aushalten"

 

In seinem Beitrag Reinkarnationsglaube als Alternative? versucht er eine kirchliche Antwort auf die Reinkarnation zu formulieren. Er zitiert in seinem Artikel das offizielle römisch-katholische Handbuch der Dogmatik von Theodor Schneider, Band 1, Düsseldorf 2002, Seite 219. Darin ist von einer Tendenz in der Kirche die Rede, "das zu allen Zeiten bestehende, unsägliche Leiden der Kreatur nicht theologisch rechtfertigen zu wollen, sondern statt dessen die dunkle Ratlosigkeit dieser Frage auszuhalten und in die Klage und Trauer der Betroffenen einzustimmen".

Wörtlich heißt es weiter: "In ihrer Solidarität mit den Leidenden und mit den im Leben vom Tod Bedrohten [Anmerkung der Redaktion: was leider allzu oft nur ein scheinheiliges Wortgeflimmer ist] wissen sich die Christen in Gemeinschaft mit Gott, der in Jesus Christus alles Widersinnige annehmend erlöst, ins Gute gewendet hat."

 

"Alles Widersinnige annehmend erlöst"? Was diese komplizierte Redewendung nun aber praktisch für den Einzelnen bedeuten soll, erfährt man dann nicht. Und der Theologe hat natürlich gut reden, wenn er in seiner gutbürgerlichen Studierstube das "unsägliche Leiden der Kreatur" außerhalb dieser Stube theologisch "aushält". Die Betroffenen sollten sich damit aber nicht abspeisen lassen.

 

Dr. Christian Ruch versucht die ablehnende Sicht der Kirche zur Reinkarnation auch mit einer anderen Stelle aus dem Handbuch der Dogmatik zu erklären, in der es darum geht, dass sich der Blick nicht allein auf die Frage "fokussieren" dürfe, so wörtlich, "welchen Sinn etwa ein einzelnes kategorial-geschichtlich erfahrbares Ereignis im planerischen Denken Gottes haben könnte. Das jeweilige Einzelgeschehen entzieht sich vielmehr aufgrund seiner Mehrdeutigkeit der Möglichkeit, in seiner Bedeutung adäquat erfasst zu werden" (S. 217).

Was soll nun das wieder bedeuten? Hier wird mit viel rhetorischem Drumherum wieder von einem angeblichen "Geheimnis Gottes" gesprochen - wie es die Kirche immer tut, wenn sie von einem Sachverhalt nichts weiß bzw. keine Ahnung hat.

 

Der römisch-katholische Sektenbeauftragte macht sich diese Sichtweise aus dem Dogmatik-Lehrbuch dann selbst zu eigen und ergänzt sie mit eigenen Worten wie folgt: "Das heißt nichts anderes, als dass der Bedeutung und dem Sinn einer Handlung Gottes - also Gottes Handeln generell - Kontingenz zugebilligt wird ... Kontingenz ist etwas, was nicht notwendig ist - und damit ist Kontingenz das genaue Gegenteil vom Karma als Gesetz der notwendigen Wirkung einer Ursache. Wo die Kontingenz sagt, dass auf die Ursache A die Wirkung B, C, D oder vielleicht sogar Z folgen kann, behauptet das Gesetz des Karmas: wenn Ursache A, dann notwendigerweise Wirkung B, sei dies nun im Negativen oder im Positiven. Im Karma findet also die Kontingenz [für welche der Kirchenmann plädiert] zumindest theoretisch ihre Aufhebung."

 

Die heuchlerischen Fremdwörter der Theologen

und die Lebenserfahrung der Großmutter

 

"Kontingenz"! Das soll also in diesem Zusammenhang die komplizierte Botschaft der Kirche sein. Es ist nun nicht unsere Aufgabe, die Fremdworte, die der Mann der Kirche hier benutzt, um die kirchliche Sicht der Dinge darzulegen, dem Leser zu erklären. Doch Gottes Handeln ist ausschließlich selbstlose Liebe und nicht "Kontingenz" oder irgendein anderes Fremdwort, das die Kirchenbeauftragten an der Universität gelernt haben, wo man niemals Gott studieren kann.

 

Wir können jedoch insofern darauf antworten, dass wir auf folgendes hinweisen: Bei seiner Kritik an dem "Gesetz von Ursache und Wirkung" berücksichtigt der römisch-katholische Geheimnis-Experte Dr. Christian Ruch überhaupt nicht, dass Ursachen sehr vielfältig sein können. Deshalb kann man das "Gesetz von Ursache und Wirkung" eben gerade nicht plump mit einem "Auf A folgt B" karikieren, wie es der Kirchenmann hier tut. Die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung ist viel präziser und feiner, und jede Tat, jedes Wort, jeder Gedanke, ja jede Empfindung wird registriert. Keine Energie geht also verloren. Und alles, einschließlich von Gedanken und Empfindungen in allen Inkarnationen, wird in der großen Buchhaltung der Schöpfungsordnung Gottes gerecht gewogen.

 

Für ein grobes Gehirn eines theologisch Intellektuellen ist dies jedoch nicht nachvollziehbar und er erschlägt diese Lebenserfahrung, die an Präzision einem Uhrwerk gleicht, deshalb mit seinem Fremdwort "Kontingenz". Dabei handelt es sich nicht um ein angebliches "Geheimnis" wie die Kirchenlehren, sondern um Lebensweisheit und Gotteserfahrung in allen Kulturen und Generationen.

Als Beispiel möchten wir hier auf die Großmutter einer unserer Bekannten hinweisen, die ihre Kinder lehrte: "Tust Du nichts Böses, dann widerfährt Dir nichts Böses." Und wer sich darauf einlässt, der kann sich diese Wahrheit Schritt für Schritt selbst beweisen.

 

Der kirchliche Glaube, dass menschliches Leben nicht "perpetuierbar" sei

 

Und was die Reinkarnation betrifft, kommt der Schweizerische katholische Sektenbeauftragte in der evangelischen Fachzeitschrift schließlich noch zu folgender zusammenfassender Beurteilung:

"Die christliche Seelsorge sollte sich dennoch oder vielleicht gerade deshalb damit auseinandersetzen, dass es Menschen gibt, die mit dem Hier und Jetzt so unzufrieden sind und mit der quantitativen und qualitativen Einmaligkeit ihrer Biografie offenbar nur noch wenig anfangen können, dass sie sich nach weiteren Leben durch Wiedergeburt sehnen bzw. dass sie das vermeintliche Wissen um frühere Existenzen brauchen, um ihrem Leben Halt und Sinn zu geben. Die Verbissenheit, mit der viele Anhänger der Reinkarnation ihren Glauben verteidigen, gibt oft einen Hinweis darauf, dass es psychosoziale Defizite sind, die ein solches Glaubensgut fördern. Natürlich werden die Defizite durch das Postulat der Wiedergeburt nicht wirklich beseitigt ... Was eine christliche Seelsorge dagegenzusetzen hat, ist nicht nur die Freude an der Einmaligkeit, sondern auch der Mut zur Endgültigkeit, der Mut zur Einsicht, dass menschliches Leben begrenzt und gerade nicht durch Wiedergeburten perpetuierbar ist" (S. 225-228).

 

Liebe Leserinnen und liebe Leser! Dies ist also eine typische Antwort der Kirche auf das in dieser Ausgabe des Theologen dargelegte Urwissen der Menschheit. Schon oft in ihrer Geschichte hat diese machtvolle Götzen-Institution Andersdenkende für erbärmlich oder verrückt erklärt. Oder sie ist gegen diese Menschen schließlich mit Gewalt vor gegangen, wenn zzum Beispiel eine Verleumdung nicht die erwünschte Wirkung zeigte, und viele weise Menschen wurden hingerichtet.

Und im heutigen Sprachgebrauch nennt man die Abwertung dieser Menschen dann "psychosoziale Defizite" oder dergleichen.

 

Für welchen "Mut" wollen Sie sich also entscheiden? Für den kirchlichen "Mut zur Endgültigkeit", Begrenzung und "dunklen Ratlosigkeit"? Wenn ja, dann sollten Sie sich aber auch fragen, wie viel Kirchensteuer Sie für diesen Mut bezahlen wollen und ob ihnen dafür nicht zu viel abgenommen wird.

Oder Sie entscheiden sich für den Mut, dem kirchlichen Gedankengut und seinen dunklen Geheimnissen und Bedrohungen den Rücken zu kehren und die Spuren des großen Menschheitslehrers Jesus von Nazareth inmitten des zunehmenden in Chaos dieser Welt zu suchen und zu finden? Wir zeigen nur auf. Sie entscheiden selbst.

 

Nachwort:

Die Kirche hat das Wissen um die Reinkarnation aus dem Christentum gestrichen (siehe Teil 2 dieser Schrift). Dadurch führte und führt sie unzählige Menschen in Verzweiflung und in die Irre und bringt sie bis heute um die großen Chancen ihres Lebens.

Die Kirche hatte das "Gesetz von Saat und Ernte" und die "Reinkarnation" in den ersten sechs Jahrhunderten ersetzt durch ein angebliches "Geheimnis Gottes" und durch die angebliche Vermittlung des Heils durch Pfarrer und Priester. Die Folgen dieser Fälschungen sind enorm:

Wie viele Kriege, Gewalttaten und persönliche Katastrophen hätten verhindert werden können, wenn die Menschen um die Reinkarnation und um die Gesetzmäßigkeiten von Saat und Ernte gewusst hätten! Die Schuld der Kirche am Zustand dieser Welt ist auch aus diesem Grund unermesslich und lässt sich in Worten nicht annähernd wiedergeben.

Doch ganz allmählich wird die Rechnung präsentiert und für den Einzelnen gilt: "Rette sich, wer sich retten lassen möchte". Und im Hinblick auf die endzeitliche Kirche gilt: "Tretet aus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen. Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel" (Offenbarung 18, 4-5).

 

Die Tür des Glaubens (Porta Fidei)

Ein Hörspiel zum römisch-katholischen Glaubensjahr 2012

 

Sprecher 1

In der Region, in der er wohnte und lebte, war der Kirchenführer ein bekannter und öffentlich geschätzter Mann gewesen. Auch nach Eintritt seines Ruhestands bestieg er immer wieder die Kanzeln dieser Region und predigte dort zu den Gläubigen. Nun ist er gestorben, und, so hieß es in mehreren Zeitungsanzeigen, dürfe er schauen, was er geglaubt hat. Das sind hoffnungsfrohe Worte, auch wenn keiner so recht weiß, was sie konkret bedeuten. Denn diese seine Schau ist Teil des Jenseits, und sie ist den Menschen auf der Erde meist verborgen. Doch wie ist es nun wohl weiter gegangen mit dem Mann, der in dem Glauben gestorben ist, nun auch endlich schauen zu dürfen? Ziehen wir also für einige Augenblicke einmal den Schleier vor dem Jenseits auf die Seite und schauen selbst, was dort so oder so ähnlich bald nach dem Tod des Kirchenführers geschehen sein könnte.

 

Sprecher 2

Als der verstorbene Kirchenführer nach seinem Tod in der jenseitigen Welt angekommen ist, hat er zunächst größere Probleme bei der Orientierung. So schaut er sich dort unsicher und zögerlich um. Denn er hatte sich das Weiterleben nach dem Tod irgendwie anders vorgestellt. Auch kann er von dort, wo er sich jetzt befindet, weiterhin sehen, was die Menschen in seiner ehemaligen Umgebung auf der Erde jetzt tun und sagen. Und so ist seine Aufmerksamkeit im Jenseits weiterhin vor allem auf das Diesseits gerichtet, das er vor kurzem verlassen hat, und er beobachtet dort mit Interesse die Menschen auf der Erde, vor allem in seiner ehemaligen Umgebung. Er kann jetzt sogar erfassen, was sie denken und fühlen, was ihm zuvor nicht möglich war, als er selbst noch als Mensch unter ihnen lebte. Von diesen Menschen, die er aus dem Jenseits beobachtet, wird er jedoch nicht mehr wahrgenommen. Für sie ist er, der Kirchenführer, jetzt tot. Dabei ist er ihnen, wenn er das für sich so entscheidet, jetzt näher als zuvor. Denn kein Gedanke eines Menschen auf der Erde ist ihm ein Geheimnis, wenn er sich als Seele im Jenseits darauf konzentriert. Und keine verschlossene Tür im Diesseits ist ihm ein Hindernis, wenn er hören möchte, was dahinter getan, gesprochen oder gedacht wird. Ist diese neue Fähigkeit vielleicht eine Belohnung für das, was er als Kirchenführer früher Gutes getan hat, so überlegt er?

 

Sprecher 1

Denn der Kirchenführer registriert, im Jenseits auf und ab gehend, mit Genugtuung die Dankesworte, die Lobesbekundungen und die vielen positiven Nachrufe in Zeitungen und Kirchenblättern anlässlich seines Todes. Und er kommentiert in Selbstgesprächen, welche Formulierung er sich noch etwas anders gewünscht hätte oder mit welchen Sätzen er demgegenüber voll und ganz einverstanden ist. Auch schaltet er sich gerne ein, wenn zwei oder gar mehrere Menschen über ihn und seinen Tod sprechen, und er beteiligt sich nun am Gespräch; vor allem dann, wenn etwas gesagt wird, was aus seiner Sicht etwas anders war. Er wird aber - wie gesagt - von den anderen nicht mehr wahrgenommen, was auf Dauer dann aber doch ein sehr beklemmendes Gefühl für ihn ist. Ach könnte er doch noch dieses und jenes Missverständnis klären, wodurch einzelne durchaus auch kritische Stimmen gar ganz verstummen könnten.

Es geht also um seine Person, und er steht daneben, und doch auch wieder nicht. Er fühlt sich in seiner ehemaligen irdischen Umgebung innerlich zunehmend nicht mehr zugehörig und deshalb fehl am Platz.

 

Sprecher 2

"Diese neue Fähigkeit, die Gespräche und sogar die Gedanken von Menschen auf der Erde wahrnehmen zu können, hat auch ihre Kehrseite", so denkt er sich. Und auch im Jenseits hat er seinen Platz noch nicht gefunden, ja noch nicht einmal eine vernünftige Orientierung. Er könne ja nicht ständig, gleichsam wie auf einer jenseitigen Wolke schwebend, sich immer nur wieder mit der Welt beschäftigen, aus der er sich doch eben erst verabschiedet habe.

Im Sarg hatte man ihm extra noch seine Kirchenmütze aufgesetzt, die er immer bei den Kirchenveranstaltungen getragen hat. Und diese Haube trägt er jetzt auch noch im Jenseits - und zwar bewusst und mit einem gewissen Stolz und natürlich auch mit dem Quantum an Demut, das er in seinem Dienst gelernt hat. Und wie er sich selbst so betrachtet, so kommt ihm der Gedanke: "So viel scheint sich durch den Tod gar nicht geändert zu haben."

 

Sprecher 1

Als die Ehrerbietungen aus seiner früheren Umgebung dann allmählich nachlassen, versucht der Kirchenmann, sich nun verstärkt an seinem neuen Ort zurecht zu finden. So entschließt er sich, hier nun endlich die "Tür des Glaubens" zu finden, durch die er in den Himmel einzugehen wünscht. In seiner letzten Predigt auf der Erde hatte er ja noch über diese Türe gesprochen, welche auch den würdevoll klingenden lateinischen Namen "Porta fidei" trägt, eben "Die Tür des Glaubens". Unter hinter dieser Tür, dieser Porta fidei, so hat er gepredigt, hinter dieser Türe würde sich das Mysterium, das Geheimnis des Glaubens in seiner ganzen Fülle entfalten. Vermutlich ist diese Porta, diese Tür also, ja unmittelbar in seiner Nähe. Doch habe er sich wohl durch sein nochmaliges Umherschweifen auf der Erde so ablenken lassen, dass er sie noch nicht gefunden hat und dass sich das Geheimnis folglich noch nicht habe in seiner Tiefe entfalten können.

 

Sprecher 2

Doch ehe er sich neu entscheidet, ob er jetzt mehr links oder mehr rechts oder eher geradeaus suchen soll, werden seine Gedanken bereits unterbrochen. Denn auch diese Welt, in der er sich jetzt befindet, ist bewohnt, und zwar mit Menschen, die - wie er - auf der Erde verstorben waren. Und allen gemeinsam ist: Ihr Leib hat nun keine feste materielle Form mehr wie auf der Erde, sondern es ist ein durchlässiger Leib, fast gasförmig, aber dennoch zu einer gewissen Dichte komprimiert. Man könnte sagen, es ist ein "feinerstofflicher" Leib. So, wie man sich auf der Erde vielleicht ein Gespenst vorstellt? Aber nein. Dieser Vergleich ist für ihn letztlich abwegig. Denn natürlich sind er und die Wesen um ihn herum keine Gespenster. Alles das ist hier für die Betreffenden völlig normal und real, weil jeder einen solchen Leib besitzt.

 

Sprecher 1

Und während also der verstorbene Kirchenmann noch über seine neue Lebenssituation grübelt, haben mehrere Bewohner der jenseitigen Welt den Neuankömmling dort wahrgenommen und haben sich ihm genähert. Dieser jedoch hat nun seine Augen geschlossen und seine Hände wie bei einer Weihehandlung zur Seite geöffnet, während er, einmal lauter, ein andermal leiser, einige auswendig gelernte Sätze über das "Geheimnis des Glaubens" spricht. Erst als der erste jenseitige Mitbewohner unmittelbar vor ihm steht, wird er von dem Kirchenmann wahrgenommen, der nun seine Augen wieder öffnet und seine Hände in seinen Schoß legt. Und dann sieht er auch die anderen Bewohner, die in der Nähe stehen. Einer nach dem anderen kommt nun auf ihn zu. Und es sind allesamt die Seelen von Menschen, mit denen er auch im vergangenen Erdenleben zu tun hatte und die vor ihm verstorben waren.

 

Sprecher 2

Doch während es für ihn zuletzt noch einigermaßen angenehm war, als Seele aus dem Jenseits unerkannt unter den weiter auf der Erde lebenden Menschen zu schweifen, so verschlechtert sich die Stimmung nun von Augenblick zu Augenblick mehr, je länger er an diesem Ort verweilt. Denn die Begegnungen sind nun gar nicht mehr angenehm. Und obwohl er fast alle diese Menschen in guter Erinnerung hat, die jetzt als Seelen auf ihn zukommen, beruht diese Erinnerung ganz offensichtlich nicht oder nicht mehr auf Gegenseitigkeit. Denn ein vorwurfsvoller Blick nach dem anderen trifft ihn nun.

 

Sprecher 1

"Was ist hier denn nur los?" Einigen dieser Seelenwesen hatte er einst als Kirchenführer versichert, dass sie, die Menschen, später ganz bestimmt in den Himmel kommen. Doch nun begegnet er ihnen wieder an einem Ort, der ganz offensichtlich nicht der Himmel ist. Und diese Menschen, die ihn früher mit Schmeicheleien umgarnten, ihm Spendengelder in die Hand drückten und an den Sonntagen und hohen Feiertagen mit Festbraten und Kuchenstücken verwöhnten, verhalten sich nun völlig anders als früher.

 

Sprecher 2

"Wo ist denn bloß die Tür des Glaubens"? Immer wieder durchzuckt ihn zwischenzeitlich dieser Gedanke. Denn so, wie sich die Situation nun entwickelt, wird es immer unangenehmer für den ehemaligen Würdenträger.

 

Sprecher 1

Denn jeder dieser vielen Bekannten tritt nun der Reihe nach vor ihn hin, und einer nach dem anderen stellt den Kirchenführer nun zur Rede und klagt ihn an. Und fast jeder beginnt seine Anklage mit den Worten:

 

Sprecher 2

"Sie haben mich in die Irre geführt und mich um die Chance meines Lebens gebracht!"

 

Sprecher 1

Der Kirchenführer hat sichtlich Mühe, das alles zu erfassen, was hier geschieht, ja geradezu auf ihn einbricht, und er macht unruhige Verrenkungen und versucht, sich irgendwo festzuhalten. Doch er greift immer wieder ins Leere.

"Das ist hart", so murmelt er. "Vielleicht nur ein böser Traum?"

Dann zählen die ehemaligen Weggefährten des Kirchenführers auf, was sie auf der Erde falsch gemacht haben, was sie versäumt haben zu tun und was sie nicht erfassten und erkannten, weil der Kirchenmann es sie falsch gelehrt hatte.

Und in vielen Variationen wiederholen die Menschen:

 

Verschiedene Sprecher der Reihe nach:

"Sie haben mich nicht aufgeklärt, dass jeder Mensch erntet, was er gesät hat und dass es keine Zufälle gibt. Sie haben mir nicht gesagt, was meine Lernaufgabe auf der Erde gewesen wäre."

"Sie haben von Christus gesprochen, uns aber etwas ganz anderes gelehrt und vorgelebt."

"Sie haben mir immer wieder eine Hostie in die Hand gegeben und mir Falsches gelehrt, als Sie sagten, das sei der real verwandelte Leib von Christus. Es

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war nur eine normale Oblate und sie hat nichts bewirkt."

"Sie haben mich gesegnet, als ich in den Krieg gezogen bin und haben mir vergeben, als ich zwei Menschen getötet habe. Doch diese Menschen haben mir nicht vergeben. Sie verfolgen mich jetzt und wollen sich rächen. Ich hätte niemals in den Krieg ziehen dürfen und niemals schießen dürfen. Warum haben Sie mich nicht gewarnt?"

"Sie haben mich nicht gelehrt, dass ich schon mehrmals auf der Erde war und wieder dorthin ging, um dieses Mal ein besseres Leben zu führen. Doch ich versagte noch mehr, weil Sie mir nicht die Wahrheit sagten."

"Sie haben mir nicht gesagt, was der Grund meiner Krankheit war, und so wurde ich immer kränker und bin an der Krankheit gestorben."

"Sie haben mir nicht gesagt, was mein Schicksal mich lehren wollte, und so musste ich weitere schwere Schicksale erleiden und am Ende den zu frühen Tod."

"Sie haben mir verschwiegen, wie sehr Tiere leiden und dass wir sie nicht schlachten sollen. Ich war Schlachter, und jetzt spüre ich selbst ein Messer an meinem Hals."

"Sie haben mir gesagt, ich müsse einfach nur fester glauben, beichten und zum Abendmahl gehen. Und jetzt stehe ich mit leeren Händen und mit leerem Herzen da."

"Sie haben versprochen, mir die Wahrheit beizubringen, und ich habe ihnen geglaubt. Doch Sie überzeugten mich von der Falschheit. Es ist in Wirklichkeit alles ganz anders. Hätte ich nur rechtzeitig zu zweifeln begonnen und ihnen den Rücken gekehrt!"

"Sie haben mir immer wieder nach dem Munde geredet in meinem Ehestreit. Dadurch habe ich überhaupt nicht erkannt, was mein eigenes Versagen war. Ich hätte meine Ehe retten können, aber so ist sie zerbrochen, und ich muss nun hier erleiden, was ich meinem Partner angetan habe, aber damals gar nicht merkte."

"Sie haben mir gesagt, dass ich in den Himmel komme. Doch mir geht es überhaupt nicht gut, und ich laufe hier ständig im Kreis herum. Ich bin nicht im Himmel. Das hier ist niemals der Himmel. Hören Sie! Ich bin nicht im Himmel. Aber wo bin ich dann? Sagen Sie es mir, Hochwürden! Sie haben doch immer behauptet, Sie wüssten über diese Dinge Bescheid!"

"Ich dachte immer, Sie seien ein geweihter Mann, aber ihre Gedanken und heimlichen Taten sind ja noch viel schmutziger als meine."

 

Sprecher 1

Und so könnte man noch einige Klagen mehr aufzählen, die sich der Kirchenmann nun anhören musste, denn er hatte viele, ja sehr viele Jahre in seinem Beruf gewirkt. Und vor allem, als einer ihn auf seine Gedanken und heimlichen Taten angesprochen hatte, erschrickt er sehr. Natürlich: Wenn er jetzt die Gedanken der anderen sehen kann, dann können die anderen wohl auch seine sehen!

 

Sprecher 2

Und so musste der Kirchenmann immer wieder schlucken und setzte oftmals an, um sich zu verteidigen, zu erklären oder gegebenenfalls zu widersprechen. Doch immer wenn er mit ein paar bedauernswerten Sätzen antworten wollte, hörte er von irgendwoher eine Stimme, die sagte:

 

Sprecher 1

"Schweig!"

 

Sprecher 2

Und sogleich kam der nächste ehemalige Mensch nun als Seele mit seinem Seelenkörper auf ihn zu, der seinen Predigten und Belehrungen auf der Erde einst Glauben geschenkt hatte, und auch jener begann dann mit seiner Klage. Einer nach dem anderen.

 

Sprecher 1

Als nach einiger Zeit schließlich alle, die gekommen waren, der Reihe nach ihre Klagen vorgebracht hatten, glaubte der Kirchenführer, er könne nun endlich ausführlich zu all´ dem Stellung nehmen, was ihm vorgeworfen wurde.

Doch so schnell wie die Seelen dieser Menschen gekommen waren, so schnell schienen sie zunächst auch wieder verschwunden.

"Wo sie wohl hingegangen sind?" Vielleicht, so überlegte er, war das ja schon das "Jüngste Gericht" oder vielmehr das "Fegefeuer", und es würde nun endlich die Zeit folgen, in der sich das Geheimnis des Glaubens in der Tiefe zu seinem Heil erschließt, wie er es ja hundertfach immer wieder gepredigt hatte. So war er sich sicher, dass es jetzt erst recht notwendig sei, so schnell wie möglich die "Tür des Glaubens" zu finden, die in den Himmel führen soll. Doch er verspürte auf einmal einen Schmerz in den Beinen, der ihn fast lähmte, und er stöhnte:

 

Kirchenführer

"Was ist denn nun schon wieder? Warum komme ich nicht vom Fleck?"

 

Sprecher 2

In diesem Augenblick kommt noch ein weiterer Mann vorbei, den er auch von früher auf der Erde kannte, der aber keine Klage vorzutragen schien und der auch weniger vorwurfsvoll blickte. Dies empfindet der Kirchenführer augenblicklich als ein Zeichen dafür, das Schlimmste vielleicht jetzt überstanden zu haben, wenn nur dieser Schmerz in den Beinen nicht wäre, der ihn jetzt voll in Beschlag nimmt, so dass er gar nicht wahrnimmt, dass auch dieser einstige Bekannte mit ihm ins Gespräch kommen möchte. Und der Bekannte sagt:

 

Bekannter

"Auch mich hätten Sie einst fast um die Chancen meines Lebens gebracht. Doch ich habe ihnen zum Glück nicht geglaubt, und ich habe meinen Weg noch rechtzeitig gefunden."

 

Sprecher 2

Doch der Kirchenführer hört nur mit halbem Ohr zu, denn er ist vor allem wieder mit sich selbst beschäftigt und spricht seine Gedanken an den einstigen Bekannten heran:.

 

Kirchenführer

"Warum habe ich plötzlich Schmerzen in den Beinen und kann mich kaum von hier fortbewegen? Können Sie mir eine Antwort geben? Was ist das hier für ein mysteriöser Ort? Ich möchte weg von hier. Ich suche die Tür des Glaubens, die Porta fidei, falls Sie Latein verstehen, die Türe zum Himmelreich."

 

Sprecher 2

Der Bekannte schweigt einige Augenblicke, bis er sich sicher ist, dass ihm der Kirchenführer nun zuhört, und er fährt dann mit sehr ernster Stimme fort.

 

Bekannter

"Latein verstehe ich nicht. Es ist eine Sprache der Mächte, denen Sie auf der Erde gedient haben. Aber ich verstehe, dass Sie hier weg wollen. Ich empfehle ihnen deshalb der Reihe nach alle Türen, die Sie hier sehen. Nur vor einem muss ich Sie eindringlich warnen: "Versuchen Sie nicht, diesen Planeten zu verlassen, bevor Sie allen Türen durchschritten haben. Und widerstehen Sie unter allen Umständen einem solchen Angebot, wenn ihnen die Mächte, denen Sie auf der Erden dienten, ein solches machen. Denn es würde ihnen nichts bringen, von hier fort zu gehen, sondern es würde die Leiden nur in die Länge ziehen. Denn irgendwann müssen Sie ganz sicher wieder hierher zurück. Deshalb ist es besser, Sie widerstehen allen Fluchtgedanken und Sie stellen sich nun hier und jetzt ihrem Leben!"

 

Sprecher 2

Der Kirchenführer ist irritiert. Jemand könnte ihn hier wegbringen, aber er solle lieber hier bleiben? Was soll das? Mit verzogenen Gesichtszügen antwortet er.

 

Kirchenführer

"Was reden Sie so geheimnisvoll? Alle meine ehemaligen Weggefährten, die mich vorhin anklagten, sind auch wieder verschwunden. Und mit dem einen oder anderen hätte ich schon noch mal gerne gesprochen. Ich will sehen, wo sie hingegangen sind. Und dann können Sie mir vielleicht sagen, ob eine dieser Türen hier die ´Tür des Glaubens` ist, die ich zu finden hoffe. Dann werde ich sicher keinen Grund haben, von hier weg zu gehen."

 

Bekannter

"Keine Sorge. Sie sind nicht weg gegangen. Sie sind nur etwas in den Hintergrund getreten, damit ich in Ruhe mit ihnen sprechen kann. Sie werden wieder kommen. Und es werden noch weitere kommen."

 

Sprecher 2

Und der Mann zeigt mit ausgestreckter Hand und mit seinem Zeigefinger Richtung Diesseits.

 

Bekannter

"Die vielen Menschen dort, in den materiellen Bereichen der Erde. Viele von ihnen haben Sie ja fast in den Himmel hinein gelobt, nachdem sie gestorben sind und auch schon vorher. Ich aber sage ihnen: Auch jene Leute werden ihre Meinung bald ändern. Wie die anderen, die vorhin da waren. Spätestens dann, wenn jene ebenfalls hier in dieser Welt sind, und nachdem auch jene erkannt haben, dass sie die Chancen ihres Lebens auf der Erde nicht genützt haben. Wie die vielen anderen, die schon da waren. Und warum haben sie ihre Chancen nicht genützt?

Sie, ja Sie, haben alle in die Irre geführt mit ihrem Hochmut, dass Sie die Wahrheit kennen würden.

In Wirklichkeit wussten Sie noch weniger als die meisten anderen. Doch Sie hatten auch mehrere Male die Chance, aus diesem Blendwerk auszusteigen. Doch stattdessen klammerten Sie sich immer wieder an diejenigen, die diesem noch mehr verfallen sind als Sie - anstatt die Chance wahrzunehmen, die ihre innere Stimme ihnen signalisiert hatte.

Doch ich sage ihnen: Der Hochmut, der immer noch aus ihnen spricht, wird ihnen hier bald völlig vergehen. Doch ich wiederhole meine Warnung: Gleich, was auf Sie zukommt. Bleiben Sie hier und widerstehen Sie der Versuchung, diesen Planeten vorzeitig zu verlassen. Gehen Sie zunächst durch alle Türen und warten Sie weiter auf diejenigen, welche der Reihe nach noch kommen werden. Sonst muss man dann erst mühsam irgendwo nach ihnen suchen, wenn der nächste kommt. Machen Sie es also sich und den anderen nicht noch unnötig schwerer und stellen Sie sich nun ihrem Leben!"

 

Sprecher 1

Der Kirchenführer hat Mühe, das alles zu erfassen, was ihm der Bekannte nun eindringlich vorhält, und er versucht, seine Unsicherheit und Irritation mit einer lockeren Rede zu überspielen.

 

Kirchenführer

"Sie scheinen da mehr zu wissen als ich und als die vielen anderen, die eben da waren, auch wenn Sie bei ihrer Klage deutlich über das Ziel hinausgeschossen sein dürften. Dennoch bin ich geneigt, auf Sie zu hören und zu bleiben, denn ich fühle mich hier zunehmend haltlos und wüsste ohnehin nicht, wohin. Doch was soll ich in der Zwischenzeit tun? Ich bin trotz der ganzen Vorhaltungen ein gläubiger Mensch, und ich will so schnell wie möglich in den Himmel. Aber das hier kann unmöglich schon der Himmel sein. Einer meiner Gemeindeglieder hat es vorhin richtig gesagt: ´Ich bin nicht im Himmel. Aber wo bin ich dann?` Für das Fegefeuer wäre es hier ja sogar einigermaßen erträglich - bis auf die Schmerzen in den Beinen und die vielen Vorwürfe vorhin. Also, schön ist es hier nicht. Es geht mir nicht gut hier. Das können Sie mir glauben. Welche Türe hier würden Sie empfehlen?"

 

Bekannter

"Nicht so schnell. Haben Sie gut zugehört, was die Menschen gerade eben vorgetragen haben?"

 

Kirchenführer

"Natürlich, und ich wollte mich auch verteidigen!"

 

Bekannter

"Sich verteidigen? Diesen Menschen ergeht es noch um ein Vielfaches schlechter als ihnen zum augenblicklichen Zeitpunkt. Und haben Sie immer noch nicht verstanden? Wieso rief wohl immer wieder eine Stimme ´Schweig`? Und wieso haben Sie plötzlich Schmerzen in den Beinen? Und wieso bin ich wohl hier, um mit ihnen zu sprechen?"

 

Sprecher 2

Der Kirchenführer wird nun etwas kleinlauter.

 

Kirchenführer

"Ich weiß es nicht. Ich bin irritiert."

 

Bekannter

"Wir meinen es gut mit ihnen. Derjenige, der ruft ´Schweig`. Und ich. Und auch die Schmerzen in den Beinen sollen Sie nur daran hindern, zu früh aufzubrechen und weitere falsche Schritte zu tun. Wir wollen ihnen helfen, wenigstens hier und jetzt die richtige Richtung einzuschlagen, was Sie in ihrem Erdenleben immer wieder versäumten. Und wir könnten ihnen einen guten Rat mit auf den Weg geben, wenn Sie das möchten." (Pause)

 

Kirchenführer

"Bitte!"

 

Bekannter

"Es kommt zuallererst darauf an, zu bereuen. Und Sie müssen sich zumindest um diese Reue bemühen. Sonst sind alle unsere Mahnungen umsonst."

 

Kirchenführer

"Mahnungen? Was meinen Sie damit genau? Mahnungen wovor und wozu? Ich bin doch von der Erde aus gesehen schon tot, und nun stehe ich hier herum, und ich habe offenbar auf der Erde einiges nicht ganz richtig gesehen. Doch welche Schuld ich daran habe, das müsste man erst einmal gründlich untersuchen, um zu einem gerechten Urteil zu kommen. Oder sehe ich das falsch?"

 

Bekannter

"Da kann ich Sie beruhigen: Es gibt keinen gründlicheren und gerechteren Ort als diesen. Und was ihr Leben auf der Erde betrifft, da machen Sie sich etwas vor. Haben Sie denn nicht gefühlt, was diese Menschen, die Sie anklagten, durchgemacht haben, als sie ihnen ihre Klage vortrugen?"

 

Kirchenführer

"Manchmal schon ein wenig, ja, gut. Das kann man ja alles nicht einfach so an sich abprallen lassen. Es beschäftigt mich selbstverständlich sehr."

 

Bekannter

"Ja, glauben Sie denn, das war´s dann schon? Wenn Sie durch die nächste Türe dort drüben gehen (und er zeigt mit der Hand dorthin), und irgendwann werden Sie dort durch müssen, dann werden Sie es zusätzlich am eigenen Seelenleib spüren, was diese zuvor erleiden mussten und noch erleiden."

 

Sprecher 2

Der Kirchenführer erschrickt. Erstmals scheint er wirklich im Mark getroffen zu sein und sein Gesicht erbleicht. Hat der Bekannte deshalb so lange nicht von diesen Türen gesprochen, weil es dahinter noch schlimmer wird?

 

Kirchenführer

"Nein. Das will ich nicht erleiden. Das würde für mich zur Hölle werden. Mir ist nicht gut. Mir ist wirklich nicht gut."

 

Bekannter

"Beginnen Sie jetzt zu fühlen?" (Pause) "Das ist gut so. Beginnen Sie zu fühlen!"

 

Sprecher 2

Doch der Kirchenführer versucht, noch einmal auszuweichen und er schweift mit seinen Augen nun zu allen Türen, die sich in seinem Blickfeld befinden

 

Kirchenführer

"Was ist mit der anderen Türe dort hinten? (zeigt mit der Hand dorthin) Wohin führt jene Tür? Ist das vielleicht die "Tür des Glaubens", nach der ich suche und durch die ich so bald wie möglich gehen möchte?"

 

Sprecher 2

Der Bekannte zwingt sich ein Lächeln ab.

 

Bekannter

"Haben Sie es noch nicht verstanden? Alle Türen hier sind die Türen ihres Glaubens. Und Sie werden sie auch der Reihe nach öffnen. Eine nach der anderen. Sie verpassen nichts. Und Sie können nicht ausweichen.

Zum Beispiel jene Türe, auf die Sie gerade zeigen. Dahinter warten sehr viele Tiere, denen Sie die unsterbliche Seele abgesprochen haben. Die Rehe, die Sie für das letzte Kirchenfest erschießen und ausweiden ließen; die gequälten Tiere aus dem Versuchslabor, das Sie gesegnet haben; die vielen Kälbchen, die ihren Müttern weggenommen wurden und die Sie in ihrem letzten Erdenleben verzehrt haben. Sie wissen schon: Zartes Kalb war ja ihre Lieblingsspeise. Und viele, viele, viele mehr. Denn Sie waren doch eine recht lange Zeit auf der Erde."

 

Sprecher 2

Dem Kirchenführer wird nun noch mehr bange, und er wird noch unruhiger und in seiner Verzweiflung nun auch lauter.

 

Kirchenführer

"Das kann ich mir nicht vorstellen. Menschen, na gut. Das werde ich wohl nicht verhindern können. Aber auch Tiere? Wo bin ich denn bitte hier? Das darf doch nicht wahr sein."

 

Sprecher 2

Der Bekannte bleibt ganz ruhig und er bemüht sich, das Innere des ehemaligen Kirchenmannes in sein Herz aufzunehmen und selbstlos zu lieben. Und er antwortet geradlinig, doch voller Verständnis:

 

Bekannter

"Dann warten Sie es eben ab und gehen vorerst noch nicht durch diese Tür. Sie können auch durch eine der anderen Türen gehen, wo Sie das Leid von Menschen spüren. Sie können alle Türen öffnen und es wird ihnen letztlich nichts unbekannt sein. Sie sind in ihrer Welt, die Sie sich selbst geschaffen haben."

 

Kirchenführer

"Dann waren die Anklagen vorhin wohl erst ein Vorgeschmack für das, was mich hier erwartet?"

 

Sprecher 2

Der Bekannte schaut ihm in die Augen, und als er merkt, dass eine ehrliche Antwort von ihm erbeten wird, sagt er schlicht und voll Mitgefühl:

 

Bekannter

"Es war der Beginn."

 

Sprecher 2

Doch nach diesen Worten bäumt sich das alte Ego des Kirchenmannes noch einmal mächtig auf.

 

Kirchenführer

"Kann ich denn nicht wenigstens hinter einer dieser vielen Türen meine gesamte Schuld abladen und dann in den Himmel gehen? Und mir die anderen Türen dann ersparen? Ist denn nicht wenigstens eine dieser vielen Türen die "Tür des Glaubens", so wie ich einst daran geglaubt habe, die Porta fidei?

Vielleicht sind Sie ja nur der Versucher, der mich von meinem Glauben abbringen will und verhindern will, dass sich mir das Geheimnis des Glaubens, das mysterium fidei, nun in seiner Tiefe offenbart?"

 

Bekannter

"Ich sagte ihnen doch schon: Hier versteht niemand ihr Latein. Und ob Sie meinen Rat befolgen oder nicht oder ob Sie mich gar für den Versucher halten, belastet mich nicht. Es ist ausschließlich ihre Sache."

 

Kirchenführer

"Wenn Sie nicht der Versucher sind, was soll ich ihrer Meinung dann als nächstes tun?"

 

Sprecher 2

Und der Mann atmet schwer und unruhig, und er klammert sich innerlich an seinem Gesprächspartner fest, als ob dieser doch irgendeine Möglichkeit kennen müsste, um ihn augenblicklich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Und dieser spürt, dass seine Worte nun doch schon einiges bewirkt haben:

 

Bekannter

"Beten Sie um Reue und bitten Sie dann die vielen Menschen mit offenem Herzen um Vergebung! Und auch die Tiere. Ja, flehen Sie um Vergebung! Aber beten Sie nicht zu dem Gott, den Sie auf der Erde predigten und rufen Sie nicht nach denen, die ihre lateinischen Wörter verstehen! Vergessen Sie ihre Gebetbücher, ihr Taufwasser und ihre Hostien! Beten Sie einfach zum gerechten und barmherzigen Schöpfergott, der auch in ihrem Herzen wohnt. Und Er zeigt ihnen den nächsten Schritt."

 

Sprecher 2

Der Kirchenführer denkt ernsthaft nach. (Pause)

 

Bekannter

"Und noch etwas: Fragen Sie beim nächsten Mal, wenn der nächste Kläger vorbei kommt, wie es ihm geht. Und ob Sie etwas wieder gut machen können, was Sie an ihm verschuldet haben. Diesen Rat kann ich ihnen zum Schluss noch geben. Vielleicht kann dann so manche Türe schneller durchschritten werden. Aber jetzt muss ich gehen."

 

Kirchenführer

"Eine Frage habe ich noch": (kurze Pause) "Gibt es nicht vielleicht auch eine Türe zurück zur Erde?" (Pause) "Reinkarnation. Sie verstehen? Reinkarnation. Noch einmal neu beginnen auf der Erde. Reinkarnation! Sie verstehen doch, was ich meine?"

 

Bekannter

"Ich will ganz ehrlich sein: Ob es für Sie noch einmal eine solche Türe gibt, ist sehr fraglich. Aber was wollen Sie denn schon wieder auf der Erde, solange Sie in ihrem Herzen noch kein anderer geworden sind? Sie würden dort unser Gespräch und die Erlebnisse hier schnell wieder vergessen haben und auf der Erde alles nur noch weiter verschlimmern! Eigentlich wollten Sie doch schon im abgelaufenen Erdenleben alles anders machen. Aber als Sie die Weichen hätten anders stellen können, blieben Sie dennoch der alte. Und was Sie dann wieder daraus gemacht haben, nun, das haben Sie ja in den Anklagen gehört! So, nun wissen Sie auch das."

 

Sprecher 2

Der Kirchenmann trägt immer noch seine Kirchenmütze und er merkt allmählich, dass er dem, was er verursacht hat, nicht ausweichen kann und dass auch sein Intellekt ihm nicht weiter hilft. Voller Verzweiflung breitet er seine Arme aus und er ruft ein weiteres Mal:

 

Kirchenführer

"Und was soll ich jetzt tun?"

 

Bekannter

"Was Sie tun können, das habe ich ihnen doch schon gesagt. Und ich muss jetzt wirklich gehen. Nehmen Sie den Hut ab und bereuen Sie. Und setzen Sie den Hut dann nie mehr auf! Nie wieder. Weiter kann ich ihnen nicht helfen."

 

Sprecher 2

Und der Mann verschwand und ging seines Weges. (Pause)

 

Sprecher 1

Nun war der Kirchenmann also wieder alleine. Und an dieser Stelle wurden die Schleier vor dem Jenseits auch wieder zugezogen. So dass nicht mehr zu sehen war, wie die Geschichte weiter gegangen ist. Doch die Frage ist: Ist denn gar nichts weiter darüber bekannt?

 

Sprecher 2

Was weiß man, dass es seither geschehen ist? Es ist auf jeden Fall eine sehr, sehr lange Zeit von der Erde aus gesehen seither verstrichen, seitdem der Kirchenführer einst gestorben war und vom Diesseits ins Jenseits gegangen war. Und vieles hat sich seither getan. Im Diesseits und im Jenseits. Seelen gingen wieder zur Inkarnation oder sie gingen ihren Weg weiter in den jenseitigen Bereichen. Viele von ihnen sind Gott und ihrem Nächsten näher gekommen, viele andere jedoch haben sich noch schlimmer belastet als zuvor. Und auf der Erde hausen noch immer jene Kräfte, denen der Kirchenführer einst diente.

 

Sprecher 1

Was aber im Laufe dieser Zeit aus dem Kirchenführer wurde, durch welche Türe er wann ging, was er hinter dieser Türe erlebte und erlitt und wo er sich jetzt aufhält, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob es seiner Seele gelang, vielleicht doch noch einmal einen neuen Körper auf der Erde in Besitz zu nehmen. Oder ob er doch das Angebot derjenigen Mächte annahm, die sein Latein verstehen und denen er früher diente. Oder ob er den Rat des Helfers befolgte und bereute und ob er sich immer wieder um die Reue bemühte; und ob er dann um Vergebung bat und ob er ein neuer Mensch wurde. Es ist nicht bekannt.

 

Sprecher 2

Nur eines weiß man, und es wurde durch eine undichte Stelle im Schleier zum Jenseits erspäht: Seine Kirchenmütze liegt immer noch an der Stelle, an der er sie einst abgesetzt hatte. Und es besteht die gute Hoffnung, dass er nie wieder zu jenen Platz zurück kehrt, um sie zu holen.

 

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