Reinkarnation aus Sicht der Kirche 2

 

KEIN PFARRER KANN VON SÜNDEN LOSSPRECHEN

 

Der Journalist: Welches sind die Rettungsangebote der Kirchen?

 

Der Theologe: Vereinfacht gesprochen der "rechte" Glaube und die Teilnahme an angeblich von Gott eingesetzten kirchlichen Handlungen, so genannten Sakramenten, in denen Gott wirken soll. Dabei geht es zum Beispiel um Sündenvergebung. Nach dem kirchlichen Glauben werden die Menschen durch Pfarrer oder Priester von den Sünden los gesprochen. Das ist aber gar nicht möglich. Jesus hat auch nicht gewollt, dass seine Nachfolger überhaupt Theologen, Priester oder Pfarrer werden.

 

Der Journalist: Was geschieht bei diesen kirchlichen Handlungen?

 

Der Theologe: In der katholischen Kirche gibt es die Formulierung "Dieser selbe Gott vergebe durch mich Sünder", gemeint ist der Priester. Das Wort "Sünder" klingt demütig, doch was steckt hinter der Formulierung? Und welches Bild ergibt sich, wenn man den Ablass einbezieht? Der Ablass gilt als der "Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind" (Katechismus der Katholischen Kirche, München 1993, Nr. 1471). Hinter diesen Worten verbirgt sich zunächst die kirchliche Theorie, dass eine Schuld bereits durch das von der Kirche durchgeführte "Bußsakrament" getilgt sein könne.

Die nächste Frage aus kirchlicher Sicht wäre dann, wie mit möglichen Nachwirkungen der Schuld umgegangen werden soll. Auch hier spricht sich die Kirche die Verfügungsvollmacht zu, indem sie vorgibt, aus dem "Schatz der Genugtuung Christi und der Heiligen" über den Erlass oder Teilerlass für "zeitliche Sündenstrafen" "autoritativ" verfügen zu können. Dies geschieht "unter genau bestimmten Bedingungen" und sei sogar für Verstorbene im Jenseits möglich, deren Läuterungsweg dadurch verkürzt würde. Das ist für einen Außenstehenden vielleicht eine etwas schwere Kost, aber zumindest Katholiken wissen sicher gut, was ich meine.

Das kirchliche Tun beim "Bußsakrament" bekommt zusätzliches Gewicht dadurch, dass es heißt, es sei "nach wie vor der einzige ordentliche Weg der Versöhnung mit Gott und der Kirche, wenn ein solches Sündenbekenntnis nicht physisch oder moralisch unmöglich ist" (Ordo poenitentiae 31, Katechismus, Nr. 1484). Das alles aber ist nicht nur eine schwere Kost, es ist schlicht Humbug. Und bei diesem Thema wie auch bei vielen anderen nennen die Amtskirchen zudem "Gott" und "Kirche" in einem Atemzug, was eine Vereinnahmung und ein Missbrauch des Namens Gottes ist.

 

Der Journalist: Die Entstehung der evangelischen Kirche begann im 16. Jahrhundert mit dem Kampf gegen den Ablass der katholischen Kirche. Was ist aus dieser Auseinandersetzung um die "Buße" geworden?

 

Der Theologe: In der evangelischen Kirche neigt man heute immer mehr dazu, den Ablass zu tolerieren, was man ja an den evangelischen Reaktionen auf den Jubiläumsablass im Jahr 2000 gesehen hat. Proteste blieben fast ganz aus. Und auch in der evangelischen Kirche blieb ja der angebliche geistige Vollmachtsanspruch der Pfarrer auf diesem Gebiet erhalten. Mehrmals im Jahr habe ich als evangelischer Pfarrer zum Beispiel an einer so genannten "Gemeinsamen Beichte" teilgenommen. Dabei ist folgendes geschehen:

Zunächst betete ich als Pfarrer laut einige vorbereitende Gebetsworte, die in die Frage an die Anwesenden mündeten: "Vor dem heiligen Gott frage ich einen jeden von euch: Bekennst du, dass du schuldig geworden bist, und bereust du deine Schuld? Begehrst du die Vergebung deiner Schuld im Namen Jesu Christi? Glaubst du auch, dass die Vergebung, die ich dir zuspreche, Gottes Vergebung ist, so antworte: Ja."

Die Teilnehmer antworteten laut mit "Ja", woraufhin ich als Pfarrer fortsetzte: "Wie ihr glaubt, so geschehe euch. In Kraft des Befehls, den der Herr seiner Kirche gegeben hat, spreche ich euch frei, ledig und los: euch ist eure Schuld vergeben. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Aus meiner heutigen Sicht ein ungeheure und gefährliche Irreführung der Menschen.

Die Teilnehmer antworteten schließlich mit "Amen", und der Pfarrer sagte darauf hin: "Gehet hin in Frieden!"

 

Der Journalist: In den Pfarrerworten ist die Rede von einem "Befehl", der der Kirche gegeben ist, so zu handeln. Wer hat der Kirche einen solchen Befehl gegeben?

 

Der Theologe: In den Kirchen wird gesagt, Jesus von Nazareth. Doch es gibt keinen Auftrag oder Befehl des Jesus von Nazareth an eine Kirche, so zu handeln. Worauf sich die Kirchen beziehen, ist die so genannte "Schlüsselgewalt", die ihr nach ihrer Lehre von Jesus angeblich verliehen wurde. Als Grundlage dafür dienen die Worte von Jesus an Petrus: "Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; alles was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein" (Matthäus 16, 19).

Was Jesus hier speziell dem Petrus sagte, ist aber eine allgemeine Gesetzmäßigkeit, die jeder für sein Leben anwenden kann, so eben auch Petrus, und die Jesus jedem anderen auch hätte sagen können. Deshalb heißt es im Matthäusevangelium auch einige Zeilen weiter, eben genau in dieser allgemeinen Form: "Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein" (18, 18).

Hier ist also weder von Priestern die Rede noch von einer Kirche, auch von Petrus nicht mehr, sondern Jesus spricht vom Gesetz von Saat und Ernte, und mit dem Wort "Himmel" ist in diesem Fall das Jenseits gemeint. Die Worte von Jesus erklären, dass sich das Leben im Diesseits im Jenseits fortsetzt: Die Menschen, die sich auf der Erde an etwas "binden", sich also Lasten auferlegen, die sie unfrei machen, werden auch als Seelen im Jenseits an diese Lasten gebunden und unfrei sein. Was aber auf der Erde gelöst, also bereinigt wird, davon wird der Mensch auch als Seele im Jenseits frei sein. Das ist die Bedeutung des Jesuswortes. Das Gesetz von Saat und Ernte erfährt also durch den Tod des Menschen keine Unterbrechung. Das Leben geht weiter, und eventuell mündet es in eine oder viele neue Inkarnationen

 

VOM PAPST

 

Der Journalist: Das ist etwas anderes als die Deutung dieses Wortes in den Kirchen. Die katholische Kirche hat aus dem Wort an Petrus sogar die Macht des Papsttums abgeleitet.

 

Der Theologe: Von einem Papst sprach Jesus erst recht nicht, auch nicht von einem "Heiligen Vater" auf Erden. Im Gegenteil, in der Bibel heißt es: "Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist" (Matthäus 23, 9). Und als Jesus einmal die Anrede "Heiliger Vater" (Johannes 17, 11) verwendete, meinte er damit Gott, seinen Vater "im Himmel". Welch eine Verhöhnung Gottes, wenn die Kirche trotz dieses Jesuswortes ihren Papst ebenfalls "Heiliger Vater" nennt und ihn damit praktisch als Gott anspricht.

Jesus, der Christus, wollte keinen Papst und er hat keinem Menschen eine Macht über andere verliehen, weder eine weltliche noch eine geistige. Auf "weltlichem" Gebiet sollen sich die Menschen untereinander auf Regeln des Zusammenlebens einigen. Und in geistiger Hinsicht hat Christus jedem Menschen die "Schlüssel des Himmelreichs" übergeben, das heißt: Sich mit seiner Hilfe im Gesetz von Saat und Ernte zu erkennen, zu bereuen, um Vergebung zu bitten, zu vergeben und das erkannte und bereinigte Negative mit seiner Kraft nicht mehr zu tun.

 

Der Journalist: Was ist dann die Funktion des Papstes, wenn Jesus ihn nicht wollte?

 

Der Theologe: Ein Papst ist ein Verkünder von Dogmen und theologischen Spitzfindigkeiten, der die schlichten Worte von Jesus verändert, verfälscht und vielfach in ihr Gegenteil verkehrt hat. Und nicht zufällig ist der derzeitige Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, auch ein Theologieprofessor. Und der Papst ist weiterhin ein Lenker einer machtvollen Institution, die mit ihren Dogmen und Inszenierungen die Menschen letztlich in die Irre führt und einschüchtert. Ein Papst lässt sich von den Gläubigen als angeblicher Stellvertreter von Christus verehren. Doch Christus wird von ihm mit Sicherheit nicht "vertreten", denn Christus ist ja "vertreten" in jedem von uns, nämlich in unserem Inneren. Der Sohn eines Zimmermanns braucht also keinen in Purpur und Seide gewandten Papst, und jeder kann sich selbst eine Antwort geben, wer anders vielleicht eine solches Amt und eine solche Institution für seine Zwecke braucht.

Jesus war ein Mann des Volkes und nicht der Kirche. Und wer ihm nachfolgt, bleibt ebenfalls ein Mann oder eine Frau des Volkes: Er stellt dann keine Ansprüche, etwas Besonderes zu sein oder vielleicht zu werden, und er inszeniert kein kultisches Gaukelspiel und keine mediengerechten Zeremonien, bei denen fehlerhafte Menschen gefeiert oder gar "heilig" gesprochen werden. Auch schmückt ein Nachfolger von Jesus sein Haupt nicht mit allerlei Spezialhüten oder Mützen oder trägt als Zeichen seiner Nachfolge auch als Mann "Frauengewänder" oder spezielle rote Schuhe.

Nach kirchlicher Lehre müssten sich derzeit [2011] 264 Päpste im "Himmel" aufhalten oder dorthin unterwegs sein, was für viele Seelen wohl ein Grund ist, den betreffenden Ort im Jenseits zu meiden. Geht man von einer Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung aus, werden dort aber wohl deutlich weniger Päpste sein, denn wenn eine Seele einmal in einen Menschen inkarniert war, der auf Erden Papst war, dann will sie das vielleicht bald wieder werden. Man würde mit dem entsprechenden Bewusstsein dann auch sehen, welche dunkle Seele es bisher am häufigsten auf den Papstthron geschafft hat.

 

BITTE UM VERGEBUNG FÜR KIRCHLICHES HANDELN

 

Der Journalist: Haben Sie dafür um Verzeihung gebeten, dass Sie als Pfarrer noch nach der kirchlichen Beicht- und Bußlehre handelten?

 

Der Theologe: Ich habe zum Beispiel alle Menschen in Gedanken um Verzeihung gebeten, die an den von mir verantworteten "Beichten" teilgenommen haben. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich damals in der falschen Sicherheit wogen, es sei dadurch etwas vergeben worden, was noch nicht vergeben war.

 

Der Journalist: Können Sie das näher erläutern?

 

Der Theologe: Ich kann dazu ein Beispiel erzählen: Nehmen wir an, jemand empfindet Schuldgefühle seinem von ihm geschiedenen Ehepartner gegenüber. Beide gehen nun getrennte Wege, doch vieles aus der Vergangenheit ist nicht aufgearbeitet, eventuell überlagern Vorwürfe an den anderen die volle Erkenntnis der eigenen Schuld. Mit gemischten Gefühlen nimmt der Mensch jetzt an der Gemeinsamen Beichte teil. Ihm wurde nicht gelehrt, dass eine Schuld zum Beispiel erst vergeben sein kann, wenn auch der an dieser Schuld Leidende dem Betreffenden vergibt. Davon ist der ehemalige Partner aber eventuell noch weit entfernt.

Bei der kirchlichen Beichte spricht der Pfarrer im Namen Gottes nun den einen "frei, ledig und los". Dieser glaubt vielleicht daran und betrachtet die Angelegenheit als bereinigt. Mögliche spätere Gewissensbisse bringt er in sich zum Schweigen, auch eventuell tiefer gehende Empfindungen über seinen Anteil Schuld. Ihm sei ja von Gott vergeben worden. Möglicherweise wurde ihm vom Pfarrer in einem Einzelgespräch sogar noch empfohlen, einfach fester zu glauben, dass ihm vergeben sei. In der Zwischenzeit gerät sein ehemaliger Partner immer mehr auf die schiefe Bahn und setzt weitere negative Ursachen. In seinen Gedanken und Gefühlen macht jener nun immer heftiger seinen früheren Partner dafür verantwortlich, dessen Schuld ja scheinbar mithilfe des Pfarrers vergeben worden sei. Kann dieser nun sagen: Ich habe mit dem heutigen Leben des ehemaligen Partners nichts mehr zu tun, denn mir ist dank des kirchlichen Sakraments vergeben worden, für mich ist die Sache in Ordnung? In der Bergpredigt spricht Jesus von einer ähnlichen Situation und sagt: "Darum: Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe" (Matthäus 5, 23 f.).

Sinngemäß heißt das: Wenn du dich Gott zuwenden willst und du spürst, dass es in der Beziehung zu einem Menschen nicht stimmt, dann gehe zu dem Menschen und bringe das Verhältnis in Ordnung. Diese Zusammenhänge bei der Vergebung stehen auch hinter dem Text des Vaterunser, wie es auch in den Kirchen gebetet wird: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Also: Erst wenn die Menschen sich untereinander vergeben haben, kann die jeweilige Schuld weggenommen werden. Gott könnte uns nach einer echten Reue zwar sofort vergeben, und Er ist sofort dazu bereit. Doch es kommt auch auf unseren Nächsten an. Denn Gott liebt alle gleich, und auch in unserem Nächsten ist Gott.

Wie wäre es nämlich, wenn demjenigen komplett vergeben ist, der einem anderen zum Beispiel mit Absicht Schaden zugefügt hatte und der hinterher gebetet hatte ´Gott vergib mir`? Ist für den Täter dann alles in Ordnung? Obwohl der Geschädigte in seiner Not noch nicht vergeben kann und vielleicht deswegen selbst schuldig geworden ist? Zum Beispiel, indem er etwas Böses tat, was er ohne das Leid, was ihm zuvor angetan wurde, nicht getan hätte? Wäre das gerecht, wenn diesem zum Beispiel wegen dessen mangelnder Einsicht nicht vergeben ist, dem ursprünglichen Täter jedoch schon? Die feinen Zusammenhänge von Saat und Ernte können niemals durch ein kirchliches "Sakrament" oder eine Zeremonie oder ein religiöses Erleben eines Beteiligten einfach aufgelöst werden. Es muss von allen Beteiligten Schritt für Schritt wieder in Ordnung gebracht werden.

 

VERSÖHNUNG

 

Der Journalist: Kann derjenige, der sich ehrlich versöhnen will, noch etwas tun, damit auch der andere zur Versöhnung bereit wird?

 

Der Theologe: Wer sich versöhnen will, schaut seinen eigenen Schuldanteil schonungslos an und bereinigt ihn, ohne zu erwarten, dass dies der Nächste auch tut. Wer es so hält, dem hilft Gott auf vielfache Weise. Und auch der noch nicht zur Versöhnung Bereite bekommt immer wieder Hilfen, Schritte zur Versöhnung tun zu können; nicht nur im Diesseits, sondern auch im Jenseits.

 

Der Journalist: Die Versöhnung würde ja auch zu einer größeren inneren Freiheit führen.

 

Der Theologe: Es ist eine riesige Chance, von innen heraus freier zu werden und neue Wege gehen zu können. Umgekehrt: Wie große Schuld können sich Pfarrer aufladen, wenn sie scheinbar im Namen Gottes vergeben, obwohl weder ernsthaft bereut noch wirklich vergeben wurde. Wer kann schon in den Nächsten hineinschauen? Und welche weitere Schuld lädt sich derjenige auf, der sich durch sein selbst gewähltes Amt in einer Art "Mittlerposition" zwischen Gott und Mensch sieht obwohl er weder echte Gotteserfahrung hat noch versteht, was bei einem Menschen wirklich los ist. Das kirchliche Beichtsakrament ist nichts als eine gefährliche Scharlatanerie. Man muss es einmal so deutlich sagen.

 

DAS KARMA DER PFARRER UND PRIESTER

 

Der Journalist: Wie erklären die katholische und die evangelische Kirche ihr Handeln selbst?

 

Der Theologe: Nach der katholischen und evangelischen Lehre gilt zunächst Christus und nicht ein Pfarrer oder Priester als "Mittler" (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1546; Evangelische Bekenntnisschriften, Apologie XXI). Dennoch: Verhält sich nicht jemand exakt wie ein "Mittler", wenn er bestimmte Handlungen kraft seines kirchlichen Amtes als "Handlungen Gottes" ausgibt?

Im katholischen Katechismus heißt es dazu: "Christus selbst ist im kirchlichen Dienst des geweihten Priesters in seiner Kirche zugegen ... Die Kirche bringt dies zum Ausdruck, indem sie sagt, dass der Priester kraft des Weihesakramentes in der Person Christi, des Hauptes" handelt (Nr. 1548). Oder: "Das Amtspriestertum kann die Kirche deshalb repräsentieren, weil es Christus repräsentiert" (Nr. 1553). Der Bischofsweihe wird darüber hinaus die "Fülle des Weihesakramentes" zuerkannt, weswegen jeder Bischof auch als "Stellvertreter Christi" (Nr. 1560) bezeichnet wird.

 

Auch im evangelischen Katechismus heißt es: "Indem der Amtsträger Wort und Sakrament verwaltet, handelt Christus durch ihn. Die Apologie, eine lutherische Bekenntnisschrift von 1531, sagt, dass die Pfarrer ´die Person Christi um der Berufung der Kirche willen, nicht ihre eigenen Personen vergegenwärtigen, wie Christus bezeugt: ´Wer euch hört, hört mich`. Wenn sie das Wort Christi, wenn sie die Sakramente darreichen, reichen sie sie dar in Stellvertretung Christi`" (Evangelischer Erwachsenenkatechismus, Hannover 1975, 4. Auflage, S. 1164).

Bei der Zitierung dieses Bibelwortes wird die Lehre des Jesus von Nazareth einmal mehr verfälscht, denn Jesus sprach nie von Pfarrern und Priestern, sondern meinte alle seine Nachfolger. Doch die Kirche vereinnahmt seine Worte für eine Amts-Lehre, die zum Beispiel auch bei Taufen angewendet wird, wo es heißt, Gott taufe angeblich durch den Pfarrer - was inhaltlich vergleichbar der Theorie ist, dass Gott durch den Pfarrer angeblich Sünden vergeben würde.

 

Diese ganzen kirchliche Lehren, ob katholisch oder evangelisch, haben nicht das Geringste mit Jesus, dem Christus, zu tun. Jesus setzte niemals eine Institution ein, in der man aufgrund eines bestimmten Amtes plötzlich über bestimmte geistige Fähigkeiten verfügen könne. Das ist Unsinn, das ist, wenn man es so nennen will, heidnischer vorchristlicher Götzenkult! Aber es wird präsentiert als angeblich "christlich", und das macht alles noch schlimmer als alle Kulte aus vorchristlicher Zeit und schlimmer als alle gegenwärtigen Kulte, die sich nicht auf Christus berufen. Weil man auf diese Weise auch noch den großen Menschheitslehrer Jesus, den Christus, vereinnahmt und verfälscht und seine wirkliche befreiende Lehre den Menschen vorenthält.

 

Der Journalist: Handelt Gott überhaupt durch Menschen?

 

Der Theologe: Ja. Er handelt immer durch uns, wenn wir Seinen Willen tun, aber das hat mit einem kirchlichen Amt überhaupt nichts zu tun.

 

Der Journalist: Ist es grundsätzlich möglich, dass ein Mensch im Namen Gottes einem anderen etwas zuspricht, zum Beispiel ein Prophet?

 

Der Theologe: Auch ein Prophet spricht einem Menschen in der Regel nichts zu, obwohl das möglich wäre. Bei einem echten Gottespropheten spricht Gott durch das "Mundstück", den Propheten, und der Hörer kann prüfen, ob er die Prophetie annehmen möchte.

Prophet kann man auch nicht aus menschlichem Wollen bzw. aus eigener Entscheidung heraus werden. Ein Prophet wird aus der geistigen Welt bzw. von Gott aufgerufen, so, wie wir es von vielen Propheten im so genannten "Alten Testament" kennen. Und der Prophet vernimmt diese Berufung in seinem Inneren, wenn er weitgehend im Einklang mit den Geboten Gottes lebt. Der Gottesprophet führt Menschen auch nie zu sich selbst oder zu einer Institution, sondern immer zu Gott bzw. zu Christus, der in den Menschen selbst wohnt sowie in der ganzen Schöpfung.

Bei einem Zusprechen, wie in den Kirchen üblich, ernennt eine kirchliche Institution aber bestimmte Menschen aufgrund ihrer Berufsentscheidung und theologischen oder kirchlichen Ausbildung zu stellvertretenden Sprechern für ein angebliches Handeln oder Sprechen Gottes. Und die Menschen werden dort in der Regel schon als Säuglinge zu Mitgliedern der kirchlichen Institution gemacht, von der man sich nicht einmal durch späteren Kirchenaustritt komplett lösen können soll. Das ist "Schuld, Schuld, übergroße Schuld", wie es in manchen Klöstern und evangelischen Kommunitäten auch dauernd gebetet wird.

 

Der Journalist: Sie sprechen in diesem Zusammenhang vor allem von der Schuld der Pfarrer. Doch welchem Pfarrer ist diese Schuld bewusst?

 

Der Theologe: Der Pfarrer kann sich zum Beispiel fragen: Was ist, wenn das, was ich lehre, nicht der Wahrheit entspricht? Der Nächste glaubt nur deshalb daran und geht in die Irre, weil der Pfarrer behauptet habe, die Lehre käme von Gott. Doch was gibt dem Pfarrer die Sicherheit, dass es wirklich so sei? Oder: Was ist, wenn der Pfarrer im Namen Gottes etwas zu vergeben vorgibt, was noch gar nicht vergeben ist? Kann jemand wirklich guten Gewissens glauben, dass die Schuld, die er als Pfarrer vergibt, "Gottes Vergebung" ist? Woher weiß er denn das? Ist das nicht eine Parallele zur "Geschichte vom Sündenfall", in welcher der Mensch damit versucht wird, angeblich sein zu können wie Gott? Genau das passiert hier aber: Der Pfarrer setzt sich eigenmächtig an die Stelle Gottes.

Mancher Pfarrer mag nun einwenden, er müsse eben von Amts wegen so handeln. Doch seine Verantwortung kann er deswegen nicht auf andere abschieben und das Amt kann ihn auch nicht schützen. Er hat diesen Beruf ja selbst gewählt. Und jedem Pfarrer wird deshalb sein Anteil zu gewogen, für den er als Person verantwortlich ist, wenn Menschen in die Irre geführt und um große Chancen ihres Lebens gebracht werden.

 

Der Journalist: Wie kann man sich das konkret vorstellen?

 

Der Theologe: Um beim eben genannten kleinen Beispiel zu bleiben: Der in der Kirche scheinbar "Losgesprochene" könnte sich später, eventuell im Jenseits, auf den Pfarrer berufen, wenn negative Wirkungen aus der ehemaligen Partnerschaft auf ihn zukommen. Der Pfarrer habe ihm doch im Namen Gottes vergeben, warum werde jetzt im Jenseits alles wieder aufgewühlt?

Der Pfarrer seinerseits kann sich nicht einmal mehr an diesen Menschen erinnern, denn nur bei der einen "Gemeinsamen Beichte" zum Beispiel in einer evangelischen Kirche sind über 100 Menschen aufgestanden und haben vom Pfarrer die "Vergebung Gottes" bekommen - jeder in einer anderen Lebenssituation, die meisten davon dem Pfarrer völlig unbekannt.

Wie ist es nun also, wenn sich eines Tages herausstellt, dass die "Beichte" und die "Absolution" bzw. "Lossprechung" des einen Partners mitverantwortlich dafür war, dass es zu keiner wirklichen Aufarbeitung und Versöhnung der beiden gekommen ist?

Und das ist jetzt nur ein einziges Beispiel. Unter Umständen hat ein Pfarrer, wie es seine berufliche Pflicht ist, bei Tausenden "die Beichte abgenommen". Dazu kommen zum Beispiel die vielen Predigten. Und die kirchliche "Lehre von der Beichte" ist wiederum nur ein kleiner Ausschnitt des kirchlichen Lehrwerkes, in dem ein Irrtum in den anderen greift. Und für jede einzelne Irreführung wird der Pfarrer gemäß seines Anteils durch das Gesetz von Saat und Ernte einst zur Rechenschaft gezogen.

 

Der Journalist: Eventuell über mehrere Inkarnationen?

 

Der Theologe: Oder in den jenseitigen Welten, ...

 

Der Journalist: ... wo die Pfarrer und Priester gemäß ihres eigenen Glaubens nach dem Tod in den Himmel eingehen würden.

 

Der Theologe: Irgendwann, wenn sie keine verkopften und hochmütigen Theologen mehr sind, sondern zu Kindern Gottes geworden sind und alles bereut und wieder gutgemacht haben und ihnen auch von allen ihren unzähligen Opfern vergeben wurde. Mögliche Folgeschäden alleine durch das "Sakrament" der Beichte sind ja, wie gesagt, nur ein Detail. Denken Sie vor allem an die zahllosen Verbrechen kirchlicher Würdenträger, die noch nicht gesühnt sind, zum Beispiel an die Hinrichtung von Andersgläubigen, an Glaubenskriege, Kreuzzüge, an so genannte Hexenverbrennungen, an die Judenverfolgungen oder daran, dass man Tieren heute noch abspricht, eine unsterbliche Seele zu haben, und dass man Tierversuche und den Mord an Tieren erlaubt und vieles, vieles mehr. In den Seelenreichen ist alles offenbar, was heute noch verborgen ist, wovon vieles aber durch den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Pfarrer und Priester seit dem Jahr 2010 verstärkt an die Öffentlichkeit dringt. Und alle Verbrechen fallen, so sie nicht rechtzeitig vergeben und wieder gut gemacht sind, früher oder später auf die Verantwortlichen zurück, und dazu zählt nach meiner Überzeugung auch das Leid, das wir den Tieren angetan haben und täglich weiter antun.

 

Der Journalist: Ist das vielleicht einer der Gründe, warum in den Kirchen das Gesetz von Saat und Ernte und das Wissen um die Reinkarnation nicht mehr gelehrt wird? Dann müssten die kirchlichen Obrigkeiten ja lehren, dass sie auch selbst darunter fallen und dass sich die zahlreichen ungesühnten Verbrechen der Kirchengeschichte noch auswirken, sofern die Wirkung nicht schon eingetreten wäre?

 

Der Theologe: Allgemein geantwortet: Jemand, der um das Gesetz von Saat und Ernte weiß, wird sich anders verhalten als jemand, der glaubt, unter dem Deckmantel einer sofort alles verzeihenden Gnade möglichen Wirkungen entgehen zu können. Doch die Zukunft bringt alles bald an den Tag.

 

LEBENSBUCH, LEBENSFILM

 

Der Journalist: Es gibt Berichte von Menschen, die einmal dem Tod sehr nahe waren, dann aber doch nicht gestorben sind. In vielen Berichten ist die Rede von einem Lebensfilm. Im Angesicht des Todes werden dem Sterbenden wie im Schnelllauf eines Filmes noch einmal viele Stationen seines Lebens bewusst. Kann man sagen, alle Saat des Lebens wird aufgedeckt?

 

Der Theologe: Auch der Rücklauf des Lebensfilms ist noch einmal eine große Chance, hier und da doch noch zur Reue zu finden und um Vergebung zu bitten. Früher oder später wird alles offenbar. Jeder dreht ja täglich seinen Lebensfilm und speichert in diesem Film, was er tut, sagt, denkt, fühlt und empfindet. Im Jenseits ist dies alles sichtbar, was im Diesseits noch verborgen werden kann. Wesentliches davon wird auch im "Lebensbuch", in der Seele, aufgezeichnet. Dieses Buch wirkt gleichzeitig wie ein Magnet, der nach dem Prinzip funktioniert: Gleiches zieht immer wieder Gleiches an. Positives zieht zu Positivem, Negatives zu Negativem. So kann man das Gesetz von Saat und Ernte auch von der Logik her gut erfassen.

 

Der Journalist: Zieht beim physikalischen Magnetismus nicht der positive Pol zum negativen?

 

Der Theologe: Ja, natürlich. Im Geistigen gibt es auch eine vergleichbare Polarität, nämlich die Anziehung von männlichem und weiblichem Pol. Wie beim physikalischen Magnetismus Positiv-Negativ zieht hier das Männliche zum Weiblichen und umgekehrt. Beim Satz "Gleiches zieht zu Gleichem" geht es aber hier nicht um diese Polarität, sondern um die Mentalität bzw. um den Grad der Reinheit oder Belastung der Seele. Das ist eine andere Form der Anziehung, aber trotzdem auch entsprechend den geistigen Gesetzen bzw. Naturgesetzen.

 

Der Journalist: Wenn auf jemanden etwas Negatives zukommt, so ist in seinem Lebensbuch also etwas entsprechend Negatives vorhanden gewesen?

 

Der Theologe: Sowohl eine negative als auch eine positive Aufzeichnung wirkt als ein Magnet, der wieder Ähnliches anzieht. Tritt zum Beispiel ein negatives Ereignis in mein Leben, dann war im Lebensbuch, in meiner Seele, ein entsprechender negativer Magnet aufgezeichnet. Ich erleide also jetzt, was in meinem Lebensbuch bzw. in meinem Lebensfilm bereits aufgezeichnet war, weil ich es zuvor einem anderen angetan habe und nicht bereinigt habe. So wirkt zugleich die Gerechtigkeit.

Mit diesem Bild kann man das Gesetz von Saat und Ernte und die möglichen Konsequenzen noch einmal gut zusammen fassen. Vergrößere ich das Schicksal, indem ich zum Beispiel im Leid Vorwürfe gegen andere aufbaue? Oder bereinige ich den zugrunde liegenden Magneten, indem ich mir zunächst bewusst mache: Was mir heute widerfuhr, habe ich einst anderen angetan? Das war der Magnet. Oft spüre ich heute in meiner Empfindungswelt, was in meiner Seele geschrieben steht. Ich brauche dabei aber nicht zu wissen, inwiefern dies eventuell aus der einen oder aus mehreren vergangenen Inkarnationen stammt.

Für den, der Christus nachfolgen möchte, gilt in dieser Situation: Ich kann Christus um Hilfe bitten. Christus steht mir dann bei als Bruder bzw. als die innere Erlöserkraft. Das ist die Barmherzigkeit, die mir immer angeboten wird.

Doch auch viele Menschen, die von Christus nichts wissen oder nichts wissen wollen, vielleicht, weil sie gegenüber dem Kirchen-Christus eine Abneigung haben, haben dennoch einen Bezug zu dieser Kraft in sich.

Für alle gilt: Habe ich etwas Negatives erkannt, besteht die Chance darin, dies heute zu bereinigen. Nütze ich die Chance, dann werden die Seiten meines Lebensbuches bzw. die neuen Spulen des Lebensfilmes immer heller und klarer.

 

2.TEIL:

 

SAAT UND ERNTE, REINKARNATION

BEI JESUS VON NAZARETH, IN DER BIBEL

UND IM URCHRISTENTUM

 

DAS RINGEN UM DIE WAHRHEIT

 

Der Journalist: Im zweiten Teil des Gesprächs geht es vor allem darum, was Jesus von Nazareth und die ersten Christen zum Thema "Saat und Ernte" und "Reinkarnation" bzw. "Wiederverkörperung" lehrten. Doch zunächst die Frage: Was sagen die katholische und die evangelische Kirche zu dem von Ihnen so genannten "Gesetz von Saat und Ernte"?

 

Der Theologe: Obwohl das Gesetz von Saat und Ernte in der Bibel steht, sogar wörtlich im Paulusbrief an die Galater (6, 7), wurde in den Kirchen dieser Glaube relativiert. Das heißt: Es wird nicht mehr gelehrt, dass dieser Satz immer gilt.

Stattdessen wird die Aufmerksamkeit auf den "alleinigen" Glauben [vgl. Der Theologe Nr. 35] oder auf so genannte "Gnadenmittel" bzw. "Sakramente" oder kirchliche Handlungen gelenkt, wie zum Beispiel die Beichte [vgl. Der Theologe Nr. 55]. Durch die kirchliche Beichte würde angeblich einiges oder alles einer eventuellen negativen Ernte hinweg genommen, worüber wir ja schon gesprochen haben.

 

Der Journalist: Und wie ist es mit dem Wissen um die Reinkarnation?

 

Der Theologe: Die Grundlage dafür wurde im Jahr 543 auf der Synode zu Konstantinopel und im Jahr 553 auf dem Konzil von Konstantinopel aus dem kirchlichen Glauben verbannt, nachdem es zuvor Auseinandersetzungen darüber gegeben hatte.

In Konstantinopel wurden konkret zwei Lehrsätze des "Kirchenvaters" Origenes (185/186-254) "verflucht", die Voraussetzung bzw. Ziel einer Wiederverkörperung bzw. Reinkarnation sind.

Bei den Lehrsätzen handelt es sich um ...

 

1.) ... den Glauben, dass die Seele eines Menschen bereits vor der Zeugung und Geburt dieses Menschen existiert.

 

2.) ... den Glauben, dass einst alle Menschen wieder den Weg zu Gott finden.

 

Origenes war nach den Worten seines Anhängers Rufin jemand, der darauf bedacht war, "nur das als Wahrheit [zu] glauben, was in nichts von der kirchlichen und apostolischen Überlieferung abweicht" (Rufin in Peri Archon I, Praefatio 2). Im Canon 9 des gegen Origenes gerichteten Dokuments der Synode von Konstantinopel werden einige seiner Glaubenssätze jedoch verworfen (Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion Symbolorum, Freiburg 1965, 34. Auflage, Nr. 403 und Nr. 411 bzw. Neuner-Roos, Der Glaube der Kirchen in den Urkunden der Lehrverkündigung, Regensburg 1971, 13. Auflage 1992, Nr. 325 und Nr. 891). Stattdessen setzte sich in der Kirche die Lehre durch, dass die Seele bei der Zeugung des Menschen durch Gott neu erschaffen und dass ein großer Teil der Menschen ewig verdammt werde (z. B. Neuner-Roos, a.a.O., Nr. 895-899, v. a. der als "unfehlbar" geltende Lehrsatz Nr. 896).

Schon ca. 150 Jahre zuvor hatte der Kirchen-Patriarch Theophiles von Alexandria Origenes zum ersten Mal verdammt und etwa ab dem Jahr 397 damit begonnen, die Vernichtung seiner ca. 2000 Schriften zu organisieren.

"Kirchenvater" Hieronymus (345-420) schildert zum Beispiel, wie die Truppen des kirchlichen Patriarchen urchristliche Gruppen überall in Palästina überfallen und die dort befindlichen Origenes-Schriften sofort verbrennen (Epistula 86; nach Robert Sträuli, Origenes, der Diamantene, Zürich 1987, S. 317).

Dort, wo die Kirche keine Einwände hatte, zitiert sie Origenes jedoch bis heute in ihren Dokumenten, allein im aktuellen Katholischen Katechismus an zehn Stellen.

 

REINKARNATION BEI ORIGENES UND AUGUSTINUS

 

Der Journalist: Hat Origenes auch an Reinkarnation geglaubt?

 

Der Theologe: Ja, auch wenn das schon auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 offenbar nicht mehr unmittelbar verhandelt wurde. Sonst hätte man es noch einmal ausdrücklich mit verdammt. Allerdings findet sich noch ein Beweis im ursprünglichen Edikt von Kaiser Justinian aus dem Jahr 543, in dem ein Satz gegen Origenes lautet: "Von den geistigen Wesen ist ein Teil, wie er meint, in Sünde gefallen, und zur Strafe in Leiber gebannt; nach dem Maße ihre Sünden werden sie sogar zum zweiten oder dritten Male und noch öfter in einem Leib eingekerkert, um nach vollendeter Reinigung in ihren früheren sünde- und leiblosen Zustand zurückzukehren" (zitiert nach Franz Diekamp, Die origenistischen Streitigkeiten im 6. Jahrhundert und das fünfte allgemeine Concil, Münster 1899, S.46).

 

Kirchliche Theologen verweisen demgegenüber auf den Kommentar von Origenes zum Matthäusevangelium, in dem unter anderem von der "irrigen Lehre von der Seelenwanderung" die Rede sei (Comm in Mat X, 20). Weiterhin kritisiert Origenes dort die "offenbar falsche" Lehre des Basilides, wonach die "Wiedereinkörperung der Seelen nach dem Tod" die angeblich einzige Strafe für die Sünden sei (Comm in Mat III) - eine Kritik des Origenes, die aus urchristlicher Sicht jedoch völlig korrekt ist: Denn die Wiederverkörperung ist in der Tat weder eine "Sündenstrafe" noch gar "die einzige" "Sündenstrafe", sondern eine riesige Chance der Läuterung, Bereinigung und Wiedergutmachung. Doch führen die kirchlichen Leugner der Reinkarnation noch eine dritte Stelle in diesem Kommentar an, wo sich vermeintlich auch Origenes gegen das Wissen um die Reinkarnation wenden soll. Diese lautet: "Ich möchte nämlich nicht in die Lehrmeinung von der Wiedereinkörperung verfallen, welche der Kirche Gottes fremd ist ..." (Comm XIII I) und angeblich auch weder von den Aposteln überliefert sei noch "irgendwo in den Schriften" erscheine [siehe dazu die Untersuchungen in den nachfolgenden Kapiteln von "Der Theologe Nr. 2"].

 

Hier besteht allerdings der starke Verdacht, dass der Origenes-Kommentar nachträglich gefälscht wurde. So hatte der Origenes-Schüler Rufin bereits im Jahr 398 zugegeben, die Schriften seines Lehrers dem kirchlichen Dogma entsprechend "zurecht gelegt" zu haben, um diesen vor der kirchlichen Anklage zu schützen, ein Irrlehrer zu sein (Praefatio, a.a.O.).

Als man dann 1941 in Toura in Nordägypten 28 Papyrusblätter einer griechischen Originalschrift von Origenes fand - seines Kommentars zum Paulusbrief an die Römer -, ergab ein Vergleich folgendes Ergebnis hinsichtlich der späteren Überarbeitung des Origenes-Textes durch Rufin: "Ein persönlicher, tief greifender und vielfältiger Eingriff in den Text" (Jean Scherer, Le Commentaire d´Origène sur Rom. III.5-V.7, Institut Francais d´ Archéologie, Kairo 1952).

Rufin fügte ein, ließ weg, vereinfachte, stellte um und änderte Wesentliches ab. Dass er dies vor allem dort tat, wo es um Reinkarnation geht, ist nahe liegend, denn an dieser Stelle "drohte" Origenes am ehesten die Verurteilung durch die katholischen Kirche.

 

Dass es jedoch neben den Stellen im Matthäuskommentar von Origenes, die den Eindruck erwecken könnten, er glaube nicht an Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung, viele andere gibt, die das Gegenteil belegen, wird von kirchlichen Theologen meist verschwiegen. So ist eine Textstelle von Origenes überliefert, die - wie zu erwarten - bei Rufin fehlt, allerdings bei Hieronymus überliefert ist. Dort schreibt Origenes über den Menschen: "Dabei wechselt er seinen Leib ebenso oft, wie er beim Abstieg vom Himmel zur Erde seinen Wohnsitz wechselt" (Peri Archon I, 5,3 zitiert nach Origenes, Vier Bücher von den Prinzipien, Hrsg.: Herwig Görgemanns / Heinrich Karpp, Darmstadt 1976, S. 203-205).

Dieser Satz des Origenes erklärt auch den folgenden: "So meinen die Törichten und die Ungläubigen, unser Fleisch verginge nach dem Tode in der Weise, dass nichts von seiner Substanz übrigbleibe; wir aber, die wir an seine Auferstehung glauben, erkennen, dass im Tod nur eine Umwandlung geschieht, seine Substanz aber, das steht fest, bleibt und wird durch den Willen seines Schöpfers zu einer bestimmten Zeit wieder ins Leben gerufen, und dann geschieht eine neue Umwandlung" (De Principiis, S. 659).

Wenn also "wieder ins Leben" gerufen und dann erneut "umgewandelt" wird, dann hat dies an anderer Stelle noch deutlicher formuliert, wenn er über den Menschen schreibt: "Dabei wechselt er seinen Leib ebenso oft, wie er beim Abstieg vom Himmel zur Erde seinen Wohnsitz wechselt."

Und bei Hieronymus ist auch die Frage des Patriarchen Theophiles nachzulesen, der Origenes schließlich verdammt hatte: "Was aber soll es bedeuten, wenn er [Origenes] erklärt, die Seelen würden wiederholt an Körper gefesselt und wieder von ihnen getrennt" (Epistula 98, 11, zitiert nach De Principiis I, 8, Anh. I, a.a.O., S. 279).

 

Der Befund ist also klar genug. Dass dennoch in Kirchenkreisen weiter gezweifelt wird, ob Origenes an Reinkarnation glaubte, hängt auch damit zusammen, dass einiges in der vorliegenden Textfassung von Origenes selbst oder von dem fälschenden Rufin vorsichtig oder in Frageform formuliert ist.

Man muss, so ein Beispiel, "aufmerksam und tiefer studieren und sehen, ob es möglich ist oder nicht, dass sie [die Seele] ein zweites Mal in einen Leib eintritt ..." (Johanneskommentar VI, Kap. 7)

Wenn jemand bestimmte Voraussetzungen nachweisen kann, dann, so Origenes, "folgt daraus zwingend, dass das körperliche Sein nicht ursprünglich ist, sondern in zeitlichen Abständen ins Dasein tritt ... und dies geschieht immer fort" (Peri Archon IV, 4, 8).

Die Geschichte von Jakob und Esau im 1. Mosebuch der Bibel (Kap. 25 ff.) kommentiert Origenes wie folgt: "Wir müssen so annehmen, dass er [Jakob] aufgrund von Verdiensten eines früheren Lebens ... dem Bruder vorgezogen wurde" (Peri Archon II, 9, 7).

Allgemein erläutert Origenes die Möglichkeit, "dass jemand infolge irgendwelcher früherer sittlicher Leistungen jetzt [in diesem Leben] ein Gefäß der Ehre wird, und dann, wenn er nicht tut, was einem Gefäß der Ehre entspricht und angemessen ist, für eine andere Lebensperiode ein Gefäß der Unehre wird" (Peri Archon III, 1, 23).

 

Kirchliche Theologen, die Origenes seinen Glauben an die Reinkarnation absprechen wollen, deuten seine Aussagen über frühere und spätere Leben jedoch um: Entweder ausschließlich auf ein früheres Leben der Seele im Jenseits bezogen; oder sie behaupten, er hätte ein Leben vor einem angeblichen "Urzustand" der Schöpfung gemeint bzw. ein Leben in "neuen" Zeitaltern nach dem Ende dieser "Weltzeit", wobei offen bleibt, was man genau in diese Vorstellung hinein fabulierte.

Anders zum Beispiel der Schweizer Forscher Robert Sträuli, der die Bibelauslegung des bekannten Origenes-Schülers Didymos (313-398) an einem Beispiel erläutert und der schreibt, "wie selbstverständlich an der Christenschule zu Alexandria damals die Lehre von der Wiedergeburt noch Bestandteil der christlichen Lehre war" (Sträuli, a.a.O., S. 229 ff; 312 f.).

Wogegen sich Origenes allerdings tatsächlich wandte, ist der Glaube an eine Seelenwanderung (Metempsychosis) von einer menschlichen Seele in Tiere oder Pflanzen, was der urchristlichen Lehre auch gar nicht entsprechen würde.

Da der urchristliche Glaube des Origenes von der Kirche jedoch bekämpft und teilweise verdammt wurde, sind allerdings, wie gesagt, nur noch geringe Reste seines Werkes erhalten.

 

Der Journalist: Ich glaube, manchen Menschen geht es heute wie Origenes. Sie sind in der Kirche aufgewachsen und wären durchaus bereit, die Kirchenlehren zu befürworten, wenn diese stimmen würden. Doch bei der Suche nach der Wahrheit finden sie etwas ganz anderes.

 

Der Theologe: Ja. Die Kirche weist deshalb gerne auf Leute wie "Kirchenvater" Augustin (354-430) hin, der sich für den katholischen Glauben entschied, obwohl er zum Beispiel gebetet hatte: "... so sage mir, o Gott, mir, der dich anfleht in heißem Gebet, sage es in göttlichem Erbarmen, ob meine Kindheit einem schon vergangenen Leben gefolgt sei oder ob jenes dasselbe ist, welches ich im Mutterleib zubrachte? ... Doch was war ich noch vor jener Zeit, meine Wonne, mein Gott; war ich überhaupt irgendwo oder irgendwer?" (Confessiones 1, 6, 9 in der Übersetzung von O. Bachmann, Atlas-Verlag Köln, o. J., S. 9)

An der Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung störte Augustin, dass dann Folgendes denkbar sei: In einem Leben sind zwei Menschen Mutter und Sohn. Die Mutter stirbt, und ihre Seele inkarniert später wieder in einem Mädchen. Dieses wächst zur Frau heran und wird später die Frau des Sohnes (De Civitate Dei, X.30) - was durchaus möglich ist.

Gerade Verwandte inkarnieren oft mehrfach immer wieder in die gleiche Familie, wobei sie jedoch nach der Gesetzmäßigkeit von Saat und Ernte die "Rollen" innerhalb der Familie wechseln können. Behandelt etwa ein Vater seinen Sohn nicht gut, kommt er womöglich in einem späteren irdischen Leben als Sohn dieses Sohnes zur Welt und muss nun am eigenen Leib erleben, was aus dem Sohn geworden ist, den er einst schlecht behandelt hatte und der nun auch zum Vater geworden ist.

Intellektuelle und verkopfte Kirchenmänner wie Augustin sträuben sich natürlich gegen diese möglichen Aspekte von Gerechtigkeit, doch auch Augustins Suche war ja mit seinem Tod noch nicht abgeschlossen.

 

REINKARNATION IM URCHRISTENTUM

 

Der Journalist: Können Sie über das eben Gesagte hinaus noch ausführlicher begründen, wieso das Wissen um die Reinkarnation zu den Grundlagen des christlichen Glaubens gehört?

 

Der Theologe: Dieses Wissen kann man bei allem, was Jesus lehrte, voraussetzen, und vielen Zeitgenossen war das auch klar.

Ich zitiere dazu zunächst einige Zeilen aus dem Buch Bruder Jesus - Der Nazarener aus jüdischer Sicht des bekannten jüdischen Religionswissenschaftlers Schalom Ben Chorin: "Der Gedanke der Wiedergeburt ist im Judentum der Zeit Jesu offensichtlicher Volksglaube ... So hielten die Leute Jesus für einen der alten Propheten, der wiedergekommen ist (Luk. 9, 8 u. 19). Im Talmud finden sich oft merkwürdige Notizen, die auf einen Seelenwanderungs- oder Wiedergeburtsglauben schließen lassen, wie etwa die Bemerkung: ´Mordechai, das ist Samuel.` Hier will gesagt sein, dass der Jude Mordechai, der Onkel der Königin Esther, eine Wiedergeburt des Propheten Samuel war ..." (dtv-Taschenbuch, München 1977, S. 25)

Wer hier die Kompetenz des jüdischen Wissenschaftlers anzweifeln will, kann einwenden, dass der griechische Text des Lukasevangeliums von einer möglichen "Erscheinung" bzw. einer "Auferstehung" eines alten Propheten spricht und dass man daraus nicht zwingend auf eine Reinkarnation zurück schließen muss. Doch was wäre denn eine "Erscheinung" bzw. "Auferstehung" in einem neuen Körper anders als eine Reinkarnation? Es sei denn, man erklärt stattdessen, auf welche womöglich andere Weise der ursprüngliche und lange verweste Körper wieder jung und kraftvoll geworden wäre.

Damit ist zwar noch kein biblischer Beweis für die Reinkarnation im Urchristentum geführt, doch die Indizien sind umfangreich und zielen alle in diese Richtung. So gibt etwa der jüdische Feldherr und Historiker Flavius Josephus (37/38-100) im ersten Jahrhundert ebenfalls Hinweise auf den möglichen Glauben an Reinkarnation bei der einflussreichen Gruppe der Pharisäer. Josephus war fast ein Zeitgenosse von Jesus. Außerdem schreibt später auch Origenes (wahrscheinlich 185-254), der sehr gründliche Studien durchführte, selbst, dass die Jerusalemer Juden, mit denen Jesus sprach, offenbar an Reinkarnation geglaubt hatten (Johanneskommentar VI, Kapitel 7).

 

Der Journalist: Sie sagten, Josephus war fast ein Zeitgenosse von Jesus, und er schrieb über die Pharisäer. Das interessiert mich. Was hat Flavius Josephus genau geschrieben?

 

Der Theologe: Über den Glauben der Pharisäer hat er geschrieben, "zwar sei" demnach "jede Seele unvergänglich, es gingen aber nur die der guten in einen anderen Leib über, die der schlechten würden jedoch durch ewige Bestrafung gezüchtigt" (Flavius Josephus, Der jüdische Krieg, heraus gegeben von Otto Michel und Otto Bauernfeind, München 1962, 2. Auflage, S. 213 ff.).

Dazu kann man zunächst sagen: Die näheren Umstände einer möglichen Reinkarnation wären hier pervertiert, wonach ja gerade die "Schlechten" in einer oder mehreren weiteren Inkarnationen ihr früheres Fehlverhalten wieder gut machen sollen, während die "Guten" nicht mehr zu inkarnieren brauchen, wenn sie wieder zum Leben im Geiste Gottes zurück gefunden haben. Außerdem wird natürlich von kirchlichen Gelehrten bestritten, dass mit dem "anderen Leib" im pharisäischen Denken ein irdischer Leib gemeint sei. Doch Josephus selbst versteht es vermutlich so, und er war ja Jude, der die Pharisäer gut kannte. Und er legt in einem anderen Zusammenhang seinen eigenen Glauben dar, der mit dem pharisäischen sehr verwandt ist. So warnt Josephus die jüdischen Soldaten davor, angesichts der Übermacht der römischen Truppen Selbstmord zu begehen, und er schreibt über jene, die sich nicht umbringen: "... ihre Seelen bleiben rein und gehorsam, sie erhalten den heiligsten Platz im Himmel, von wo sie im Umlauf der Zeiten wieder heilige Leiber beziehen dürfen. Wer aber im Wahn selbst Hand an sich legt, dessen Seele nimmt ein besonders finsterer Ort in der Unterwelt auf" (Der jüdische Krieg, a.a.O., S. 373). Was heißt das? Sich am heiligsten Platz im Himmel befinden und von dort aus einst "wieder heilige Leiber beziehen dürfen", was soll das wohl nach dem Glauben von Josephus für ein "Leib" sein? Noch einmal eine gesteigerte Form eines weiteren "himmlischen" Leibes, obwohl man sich schon zuvor am "heiligsten Platz im Himmel" befinden solle? So würden vielleicht durch kirchliche Theologie verschrobene Gehirne denken. Die Alternative: Josephus meint wieder einen "heiligen" "irdischen" Leib.

Es handelt sich hier zumindest um ein weiteres Indiz für einen möglichen Reinkarnationsglauben. Und solche und ähnliche Vorstellungen gehörten mehr oder weniger zum damaligen "Volksglauben", wie der jüdische Religionswissenschaftler Schalom Ben Chorin es ja bestätigt [siehe oben], so dass Jesus hier manches bei seinen Zeitgenossen voraus setzen konnte, was durch die kirchliche Tradition dann später völlig verschüttet worden ist.

Diese Entwicklung im kirchlichen Christentum bestätigt unter anderem der evangelische Theologieprofessor Hans Schwarz, der nach intensiven Recherchen über die Glaubensvorstellungen im 1. Jahrhundert schreibt: "Anscheinend war der Glaube an Reinkarnation so bekannt, dass seine Bilder dazu benutzt werden konnten, den weit weniger verbreiteten Glauben an die Auferstehung zu illustrieren" (Hans Schwarz, Wir werden weiterleben, Die Botschaft der Bibel von der Unsterblichkeit im Lichte moderner Grenzerfahrungen, Freiburg 1984, S. 51) - auch hier wieder das typische verkorkste kirchliche Denken. Denn praktisch sagt Professor Dr. Hans Schwarz hier einfach und schlicht: Die Leute glaubten an Reinkarnation. Und über das 2. Jahrhundert schreibt der evangelische Theologe dann auch weniger verklausuliert: Wir müssen "erstaunt feststellen, dass die Reinkarnation eine weit verbreitete Idee war" (S. 50).

 

So kann man zusammenfassen:

Das Wissen um Reinkarnation ist also in der Umwelt von Jesus in manchen Varianten bekannt, so dass Jesus bei seinen Lehren voraus setzen konnte. Das ist auch eine von mehreren Erklärungen dafür, warum nicht so viel zu diesem Thema unmittelbar überliefert ist. Die zweite Erklärung ist, dass diese Überlieferung nicht im Interesse der Kirche war, weshalb die meisten Zeugnisse nur außerhalb der Bibel in den so genannten "Apokryphen" (= verborgenen Schriften) erhalten blieben. Und hinzu kommt auch noch etwas Drittes, ganz Praktisches: Eine Gemeinschaft, die einem Friedensreich bzw. einem "Reich Gottes" auf der Erde zum Durchbruch verhelfen will, wird sich nicht allzu viel mit Reinkarnation beschäftigen, weder auf die Vergangenheit noch spekulativ auf die Zukunft bezogen. Sondern man wird sich mit aller Kraft um die Aufgaben der Gegenwart kümmern.

 

Doch bei allem, was die Gegenwart für den Einzelnen und für eine Gemeinschaft bringt, wendet Jesus ganz selbstverständlich immer wieder das "Gesetz von Saat und Ernte" an [siehe z. B. Jesus lehrte das Gesetz von Saat und Ernte]. Und Tatsache ist nun einmal, dass dieses "Gesetz von Saat und Ernte" nur dann stimmig ist, wenn man frühere bzw. spätere Leben einbezieht, so dass das Thema "Reinkarnation" immer im Hintergrund steht. Zwar könnten frühere Leben theoretisch ausschließlich frühere Leben im Jenseits sein. Dass die Menschen jedoch nicht in diesseitigen, sondern angeblich nur in spekulativen jenseitigen Vorleben Fehler gemacht haben sollen, wirkt jedoch sehr konstruiert und eine solche Denkweise wird auch nirgends sonst bestätigt. Nahe liegend ist auch von daher klar die Reinkarnation. Und wenn deshalb in der vormittelalterlichen Kirche Methoden entwickelt werden, wie man den Glauben an die "Präexistenz der Seele" bekämpft, der in den urchristlichen Gemeinden gelehrt wird, so zielt dieser Angriff letztlich auf das Wissen um die Wiederverkörperung. Und wenn dieser Glaube an die "Präexistenz der Seele" auf dem Konzil von Konstantinopel (553) von der Kirche verdammt wurde, was die Todesstrafe für den so Glaubenden nach sich zieht, so wird das Wissen um die Reinkarnation damit unausgesprochen, aber gezielt mit verdammt.

 

Interessant ist noch ein weiteres Beispiel dazu. So setzt sich etwa auch Kirchenvater Hieronymus (347-419) in seinem Brief an Demetrias mit dieser "Irrlehre" auseinander, die "sozusagen in gewissen Natterhöhlen viele heimliche Anhänger" habe (Kapitel 16, V.11-12). Doch warum "heimliche" Anhänger? Die Antwort dazu ist ganz klar: Ab dem Jahr 380 stand auf abweichende Glaubensvorstellungen vom Katholizismus bereits die Todesstrafe. Wer also an Reinkarnation glaubte, schwebte deshalb in höchster Lebensgefahr. Und das ist vielleicht sogar das einleuchtendste Argument dafür, dass die Urchristen, die darum wussten, seither eher vorsichtig tastend "nur" von der "Präexistenz der Seele" sprachen. Denn auf diesen Glauben stand ja bis zum Konzil von Konstantinopel noch nicht die Todesstrafe, sondern er wurde bis zu den Jahren 543 bzw. 553 vom katholischen Zwangsstaat noch toleriert.

 

Der Journalist: Sie haben im Zusammenhang der Reinkarnation auch Hieronymus erwähnt. War Hieronymus nicht maßgeblich an der Entstehung der Bibel beteiligt?

 

Der Theologe: Ja. In ihrer heutigen Form entstand die Bibel ja erst im späten 4. Jahrhundert. Hieronymus erhielt vom damaligen Papst den Auftrag, aus verschiedenen Bibelversionen einen einheitlichen lateinischen Text herzustellen. Und hat ja anscheinend die Reinkarnation nicht befürwortet, was auch die Abfassung der Bibel möglicherweise entscheidend beeinflusste.

 

Der Journalist: Welche Einflussmöglichkeiten hatte denn Hieronymus auf den Bibeltext? Oder wer hat sonst Einfluss genommen oder bestimmt, was denn letztlich in der Bibel stehen sollte?

 

Der Theologe: Da muss zuerst Papst Damasus I. genannt werden, der den Auftrag für die einheitliche Bibel gegeben hatte. Damasus I. hatte in den Jahren 366 und 367 nach blutigen Kämpfen zwischen seinen Anhängern und seinen Gegnern den Papstthron erobert. An einem Tag hat man in einer Kirche 137 Tote gefunden, die dort von den Anhängern des Damasus erschlagen wurden. Ich sage das deshalb, weil viele Menschen glauben, die Bibel sei vom "Geist Gottes" eingegeben, ohne zu wissen, welche "Geister" und Hintermänner bei ihrer Entstehung nachgewiesenermaßen beteiligt waren.

Als Papst war Damasus I. bekannt für seine Prunksucht und "Schmäuse", "dass seine Tafel selbst ein Königsmahl in den Schatten stellt" (Ammianus Marcellinus, Röm. Geschichte 27, 3, 4, zitiert nach A. M. Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Band 1, S. 173). Dieser Papst vergab nun also die Auftragsarbeit einer einheitlichen Bibel an Hieronymus. Und sein neuer Text, die so genannte Vulgata, ist von der katholischen Kirche auf dem Konzil von Trient (1545-1563) - also viel später - als "fehlerlos" erklärt worden (mehr dazu siehe in Der Theologe Nr. 14).

Dabei hatte Hieronymus an Papst Damasus I. in einem Brief folgendes geschrieben:

"Wird sich auch nur einer finden, sei er gelehrt oder ungelehrt, der mich nicht lauthals einen Fälscher oder Religionsfrevler schilt, weil ich die Kühnheit besaß, einiges in den alten Büchern zuzufügen, abzuändern oder zu verbessern? Zwei Überlegungen sind es indes, die mich trösten und dieses Odium auf mich nehmen lassen: zum einen, dass du, der an Rang allen anderen überlegene Bischof, mich dies zu tun heißest; zum anderen, dass, wie auch meine Verleumder bestätigen müssen, in differierenden Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist" (Evangelienrevision, Vorrede, MPG 29, Sp. 525 ff., zitiert nach Adolf Martin Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Band 1, S. 181; siehe auch "Der Theologe Nr. 14" - Hieronymus und die Entstehung der Bibel).

 

Der Journalist: Der Herausgeber der Bibel ist also selbst nicht vom Wahrheitsgehalt überzeugt.

 

Der Theologe: Hieronymus kritisiert einige seiner Vorgänger als "unzuverlässige Übersetzer". Auch schreibt er von "Verschlimmbesserungen inkompetenter Textkritiker" oder über "Zusätze oder Änderungen unaufmerksamer Abschreiber" (Evangelienrevision, a.a.O., Vorrede).

Zwar gibt der "Kirchenvater" hier nur Einblick in die Entstehungsgeschichte der "lateinischen" Bibel, doch auch bei der griechischen "Urtext"-Überlieferung gab es vor allem in der Anfangszeit zahlreiche Überarbeitungen und auch Neugestaltungen. Weil die Evangelisten ihnen vorliegende Quellen nachweislich bearbeitet haben, nennt man sie deshalb ja auch zurecht "Redaktoren". So wie es eben heute "Redakteure" bei einer Zeitung gibt, welche die eingesandten Manuskripte der Journalisten in ihrem Sinne überarbeiten.

 

Zusammenfassend kann man sagen: Die biblischen Texte sind alles in allem das Werk der entstehenden Amtskirche mit ihren sich herausbildenden Dogmen.

Die "Sorge um die Revision der lat. Bibelübersetzungen" wird zum Beispiel in unserer Zeit "das größte Verdienst" von Damasus I. genannt (Ritter, a.a.O., S. 181). So enthalten die Texte zwar viele Anhaltspunkte über das Leben von Jesus, gelten aber nicht als geschichtlich zuverlässige Quellen.

Und alle erhaltenen Zeugnisse über Reinkarnation haben sich trotz der sich ganz anders entwickelnden Kirchenlehre erhalten. Was alles verloren ging, vernichtet oder nicht weitergegeben wurde, wissen wir nicht.

Doch kann man hier auch noch einmal an etwas anderes erinnern: Das Thema ist für Jesus nicht so wesentlich wie andere Themen gewesen.

 

Der Journalist: Was ist für ihn dann wesentlich?

 

Der Theologe: Jesus weist auf das kommende Friedensreich, das Reich Gottes, hin, das auf der Erde entstehen soll, wie es im Vaterunser heißt: "Wie im Himmel, so auf Erden". Dafür braucht es Menschen, die

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bereit sind zur Umkehr, zur "Buße", damit es nicht bei Worten bleibt, sondern auch entsprechende Taten sichtbar werden. Deswegen heilt Jesus zum Beispiel selbst viele Krankheiten. Auch lädt er die Menschen ein, sich Gott anzuvertrauen. Dies ist möglich, da Gott ein liebender Vater ist, der den Menschen in jeder Situation hilft, die Schritte hin zu Ihm tun zu können.

 

Der Journalist: Welche Rolle spielt dabei die Reinkarnation?

 

Der Theologe: Das Wissen hilft dem Menschen zur Selbsterkenntnis und zur Umkehr. Und wenn der Mensch Jesus nachfolgt, findet er früher oder später aus dem "Rad der Wiedergeburt" heraus.

Wer sich über dieses Wissen hinaus jedoch viel mit Details des Themas Reinkarnation beschäftigt, begibt sich in Gefahr, sich in Spekulationen über frühere Leben zu verwickeln oder sich damit wichtig zu machen, anstatt die Chance dieses Lebens zu nützen. Und nur auf das gegenwärtige Leben kommt es an, alles andere ist Vergangenheit. Da aber ja alles, was aus früheren Leben nicht bereinigt ist, nach dem Gesetz von Saat und Ernte zur rechten Zeit wiederkommt, damit es dieses Mal bereinigt wird, bedarf es nur der Wachsamkeit in diesem Leben. In diesem Sinne hat auch Jesus gelehrt.

 

DER BECHER MIT DEM "TRUNK DES VERGESSENS"

 

Der Journalist: Einige Menschen lassen sich allerdings durch Hypnose in frühere Leben zurückversetzen. Man versteht solche Rückführungen als eine Reinkarnationstherapie. Und Menschen versprechen sich einen inneren Gewinn von dieser Erfahrung.

 

Der Theologe: Ich weiß allerdings auch von vielen gegenteiligen Erfahrungen. Das genaue Wissen um Situationen aus früheren Leben kann sehr belasten, kann den Menschen von den Aufgaben der Gegenwart ablenken, kann ihn sogar in Verzweiflung führen, wenn er das, was dann aufbricht, nicht auf einmal bewältigen kann.

So spricht Jesus im Zusammenhang der Rückkehr einer Seele aus dem Jenseits zurück in einen neuen menschlichen Körper - ähnlich wie auch der Philosoph Platon - von einem "Becher mit dem Trunk des Vergessens" (Das Evangelium der Pistis Sophia, herausgegeben von C. M. Siegert, Bad Teinach-Zavelstein 1991, 2. Auflage, S. 234).

Die fehlende Rückerinnerung dient dem Menschen als Schutz und hilft ihm, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das "Sündhafte" wird zeitweilig "vergessen", und es wird nur in dem Maße bewusst bzw. aktiv, in dem es bewältigt werden kann.

 

Der Journalist: Das steht so aber nicht in der Bibel.

 

Der Theologe: Die meisten Informationen zur Lehre der Reinkarnation finden wir, wie schon erwähnt, in so genannten "apokryphen" Schriften, die von der entstehenden Großkirche nicht in die Bibel aufgenommen wurden, und deshalb dort als "verborgen" (= apokryph) gelten.

Dieses Jesuswort entstammt einem Evangelium, das im 2. Jahrhundert entstanden ist und damit älter ist als die ältesten bekannten Handschriften der biblischen Evangelien aus dem 4. Jahrhundert. Sein Inhalt ist dadurch zwar nicht automatisch glaubwürdiger, und gerade dieses Evangelium verliert sich teilweise in zweifelhaften geistigen Spekulationen. Doch kann es - genauso sie die biblischen Schriften - eben sowohl Wahres als auch Falsches enthalten. Zudem finden sich weitere Informationen oder Spuren zur Reinkarnation bei den so genannten "Kirchenvätern", deren Schriften ebenfalls älter sind als die biblischen Handschriften. Und bedeutet eben vielfach auch: näher am Urchristentum. Manche sprechen vom "Umgießen der Seelen", zum Beispiel der bekannte und auch in der Kirche anerkannte Clemens von Alexandrien (um 200; Stromateis III, 13, 3).

 

Die Seele braucht übrigens einige Zeit, um sich in dem jeweils neuen Körper zurecht zu finden und formt diesen in der Folgezeit gemäß ihren Speicherungen aus ihren Vorleben.

Die Frage, ob sie auch in einen Tierkörper inkarnieren kann, war damals Anlass für viel Spott und Streit. "Kirchenlehrer" Justin (ca. 110-165) verneint zum Beispiel diese Frage wie auch die andere Frage, ob die Seele nach ihrem Gang ins Jenseits Gott schauen kann..

 

Der Journalist: Die Antwort wäre, wenn ich Sie recht verstanden habe, dass der Tod nichts daran ändert, ob jemand mehr oder weniger Gott schaut.

 

Der Theologe: Wir können den Tod mit dem Schlaf vergleichen. Auch er bringt uns Gott weder näher noch rückt er ihn weiter weg.

Zum Vergleich: Die Seele verlässt auch im Schlaf den menschlichen Körper, bleibt aber durch ein "Silberband" mit ihm verbunden. Beim Tod wird das Silberband durchtrennt und eine Rückkehr der Seele in diesen Körper ist dann nicht mehr möglich. Aber dieser Vorgang ändert nichts am Charakter des Menschen und an dem, was er gesät hat und folglich ernten wird.

Das Silberband oder die Silberschnur wird übrigens auch in der Bibel erwähnt. Im Buch Prediger (oder Kohelet) heißt es: "Denk an deinen Schöpfer in frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen, ... ja, ehe die Silberschnur zerreißt, ..." (12, 1.6a). Im hebräischen und aramäischen Handwörterbuch von Wilhelm Gesenius (17. Auflage, Berlin 1962) wird die Silberschnur auch als "bildliche Bezeichnung f. d. Lebensfaden" erklärt. Und der Prediger gibt den Menschen hier eine eindringliche Warnung mit: Lebt schon als junge Menschen nach den Geboten des Schöpfergottes! Denn wenn eines Tages "die Silberschnur zerreißt", ist die Chance vertan. Und wer weiß, wann das sein wird?

 

Der Journalist:

Von der Bibel noch einmal zu den "Apokryphen": Das Evangelium der Pistis Sophia, aus dem Sie vorhin zitierten, wird von der kirchlichen Geschichtsschreibung nicht zum Urchristentum gerechnet, sondern zur so genannten "Gnosis". Im Deutschen übersetzt man das Wort mit "Erkenntnis".

 

Der Theologe: "Gnosis" ist ja heute kein gebräuchliches Wort mehr, und man könnte es am ehesten mit dem vergleichen, was heute "Esoterik" genannt wird. Die entstehende Amtskirche grenzte sich damals von einzelnen Bewegungen ab, von denen sich manche selbst "gnostisch" nannten und die auch die Lehre von Jesus als "Gnosis" bezeichneten.

Doch das Urchristentum ist etwas anderes als diese so genannte "Gnosis". Die Urchristen sind eine eigene Bewegung, die immer in Gefahr stand, von der Kirche vereinnahmt zu werden oder auf der anderen Seite von so genannten "Gnostikern" vereinnahmt zu werden. Es war immer eine Gratwanderung. Wo man der kirchlichen Vereinnahmung widerstanden hat, ist es jedoch passiert, dass die Kirche urchristliche Bewegungen und Gruppen mit bei der "Gnosis" eingeordnet hat, die man kirchlicherseits genauso bekämpfte wie das Urchristentum.

 

Doch zwischen "Gnosis" und urchristlicher Lehre und Leben bestehen teilweise erhebliche Unterschiede. Zum Beispiel unterscheidet sich die urchristliche Lehre, dass die materielle Welt als Folge des "Sündenfalls" aus der geistigen Welt entstanden ist, von "gnostischen" Lehrsystemen, wonach es einen speziellen Schöpfergott der Materie gebe, der nicht mit dem gütigen Erlösergott identisch sei. Weiterhin waren die "Gnostiker" manchmal etwas weltfremde Theoretiker. Die Urchristen waren demgegenüber praktisch, natürlich und schlicht denkende Menschen, die meist auch in sehr lebensnahen Berufen ihren Lebensunterhalt verdienten, zum Beispiel als Handwerker.

So weit zum Thema "Gnosis".

Und noch ein Wort zu den "Apokryphen": Insgesamt gilt für sie das gleiche wie für die biblischen Schriften. Sie können Christliches und Nichtchristliches bzw. zutreffende Darstellungen und Fehler enthalten.

Für den urchristlichen Glauben kommt es zudem gar nicht auf das geistige Wissen an. Das praktische Tun steht im Mittelpunkt, zusammengefasst, das Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth.

 

REINKARNATION IN DER BIBEL

 

Der Journalist: Welche Spuren für Reinkarnation oder welche Reste dieses Wissens gibt es noch in der Bibel? Sie haben vorhin im Zusammenhang mit Origenes ja schon von möglicherweise wieder inkarnierten Propheten gesprochen?

 

Der Theologe: Ja. Jesus von Nazareth fragte einmal seine Jünger: "´Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?` Sie sprachen: ´Einige sagen, du seiest Johannes der Täufer, andere, du seiest Elia, wieder andere, du seiest Jeremia oder einer der Propheten`" (Matthäusevangelium 16, 13b-14). Mit anderen Worten: Einige glaubten, der kurz zuvor hingerichtete Johannes sei entweder von den Toten auferstanden oder er sei womöglich gar nicht tot. Und andere glaubten, einer der Gottespropheten, womöglich Elia oder Jeremia, sei in Jesus wieder inkarniert.

Und dies glaubten die Menschen auch schon von Johannes dem Täufer. Und Jesus von Nazareth bestätigt gemäß den biblischen Worten zum Beispiel den Glauben, Johannes sei der reinkarnierte Elia. So sagt Jesus laut dem Matthäusevangelium: "Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elia, der da kommen soll. Wer Ohren hat, der höre" (11, 14).

Später entwickelt sich zu diesem Thema erneut ein Dialog, und es heißt in der Bibel wie folgt: "Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: ´Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elia kommen?` Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll freilich kommen und alles zurecht bringen. Doch ich sage euch: ´Elia ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben mit ihm getan, was sie wollten`" (17, 12).

 

Der Journalist: Die Kirchenlehren deuten diese Stellen aber anders. Das Leben des Johannes sei demnach mit Elia vergleichbar.

 

Der Theologe: So steht das aber ausdrücklich nicht in ihrer Bibel. Es heißt dort, "Elia ist schon gekommen".

In der von mir vorhin genannten prophetischen Botschaft mit dem Titel Das ist Mein Wort wird allerdings auch erklärt: Nicht das Geistwesen, das einst in Elia inkarniert war, sei in Johannes einverleibt gewesen, "sondern der Geist des Elia überstrahlte Johannes. Das Wesen, das in Johannes einverleibt war, ist im Geiste ein unmittelbarer Nachkomme ..." (a.a.O., S. 60)

Übrigens glauben auch viele islamische Gelehrte an die Reinkarnation und sagen, in Maria, der Mutter von Jesus, sei jene Seele wieder inkarniert, die schon in Miriam, der Schwester von Mose und Aaron, unter den Menschen war.

 

Der Journalist: Gibt es weitere Hinweise auf die Reinkarnation in der Bibel?

 

Der Theologe: Ja. Im Jakobusbrief der Bibel wird etwa davor gewarnt, dass unsere Zunge das "Rad der Geburt" in Brand setzen kann (3, 6; vgl. Prediger 12, 6). Die Stelle lässt sich am treffendsten so erklären: Böse Worte können einen solchen "Brand" verursachen, dass der geistige Brandstifter deswegen erneut inkarnieren muss, um den Schaden zu beheben.

 

Der Journalist: Warum verschweigt die Kirche denn, dass hier vom "Rad der Geburt" die Rede ist?

 

Der Theologe: In der Luther-Übersetzung von 1984 wird das Wort "trochos tes geneseos" (= "Rad des Entstehens" bzw. "Rad der Geburt") überhaupt nicht übersetzt und stattdessen mit drei anderen Wörtern wieder gegeben, nämlich "die ganze Welt." Die Zunge könne, so die Luther-Bibel, "die ganze Welt" in Brand setzen - eine monumentale Aussage, über die man durchaus nachdenken kann, aber trotzdem eine glatte Bibelfälschung.

Vergleicht man die Übersetzung von 1984 mit der in der Luther-Bibel von 1956, erlebt man die nächste Überraschung: Damals hatte die Zunge nach Luther noch "allen unseren Wandel" angezündet, eine etwas bescheidenere Fälschung im Vergleich zu "die ganze Welt". Das heißt: Luther fälschte hier zuerst die Bibel, und die lutherischen Theologen fälschten anschließend noch einmal ihren Luther, so dass man möglichst nicht mehr das Ursprüngliche erkennt.

In der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung heißt es an dieser Stelle wenigstens noch "Rad des Lebens". Doch auch diese Übersetzung ist falsch. Denn sie streicht einfach den Aspekt der "Genesis", also des "Lebensbeginns" durch die Geburt, wie es im griechischen Urtext im Wort "geneseos" (= Genitiv von "genesis") zu lesen ist. In einer erklärenden Fußnote wird es dann noch falscher. Dort heißt es, mit dem "Rad des Lebens" (oder: "Kreis des Werdens") sei "wohl der ganze Lauf des Lebens und der Umkreis der menschlichen Existenz gemeint". So wurde in der Einheitsübersetzung aus dem "Rad der Geburt" schließlich der "Umkreis der menschlichen Existenz", was aber nicht mehr dem griechischen Wort im Urtext entspricht. Am Ende steht also auch hier, wie bei Martin Luther, eine Fälschung des Sachverhalts, und bei dieser Stelle kann alles gut nachweisen. In zahllosen anderen Fällen ist das leider nicht mehr so leicht möglich. Auf diese und andere Weisen haben jedenfalls Theologen biblische Hinweise auf die Reinkarnation gezielt verdunkelt und einige Menschen glauben deshalb, das Wissen vom "Rad der Geburt" sei nicht biblisch-christlich, sondern wäre aus östlichen Religionen übernommen.

 

Der Journalist: Was mir das Beispiel der Einheitsübersetzung zeigt: Schon kleine Veränderungen in der Übersetzung können dazu führen, dass Leser einen anderen Sinn in die Worte hinein legen. Steckt dahinter eine Absicht?

 

Der Theologe: Was glauben Sie? Was oder wer steckt hinter der Kirche? Und wer hilft bewusst oder unbewusst mit? Ich habe diese scheinbar "kleinen" Veränderungen der Wahrheit selbst erlebt, als ich die Kirche verlassen hatte und mich deshalb manche Menschen nun in ein schlechtes Licht stellen wollten und dazu frühere Aussagen von mir nachträglich ein wenig veränderten.

Bei dem Beispiel aus dem Jakobusbrief lässt sich wenigstens nachprüfen, was Luther und die Einheitsübersetzung aus der ihnen vorliegenden Quelle gemacht haben. Was aber ist mit der Überlieferung aus den ersten Jahrhunderten nach Christus, die heute niemand nachprüfen kann, weil die Quellen vernichtet wurden oder als "nicht mehr erhalten" gelten? Wie sorgfältig sind kirchliche Theologen, die eine bestimmte Absicht hatten, mit dem Material umgegangen? Was haben sie gemacht, wenn es nicht mit ihrer Lehre übereinstimmte?

 

Der Journalist: Gibt es dennoch weitere Spuren für die Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung in der Bibel?

 

Der Theologe: Eventuell ging es auch im Gespräch von Jesus mit dem Pharisäer Nikodemus (Johannes 3, 1-11) um Reinkarnation. Das erklärt jedenfalls der Aramäisch-Forscher Günther Schwarz in dem Buch Das Jesus-Evangelium (München 1993, S. 22 f.). Dr. Schwarz erforschte ca. 30 Jahre lang die Muttersprache von Jesus und übersetzte die griechisch überlieferten Jesusworte zunächst zurück ins Aramäische und von dort neu ins Deutsche.

 

Weitere Spuren sind aber auch ohne solche Hintergrundüberlegungen zu finden. Über den Propheten Jeremia lautet zum Beispiel ein Prophetisches Wort: "Ich ... sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest und bestellte dich zum Propheten für die Völker" (Jeremia 1, 5).

Die Seele des Menschen existiert demnach also schon vor der Geburt - eine biblische Lehre, die übrigens von der katholischen Kirche verdammt wurde (siehe vorne Das Ringen um die Wahrheit). So könnte man weiter überlegen: Wenn es das Geistwesen bzw. die Seele also schon vor der Geburt gab, existierte es dann nicht auch schon vor der Zeugung des Körpers? Oder schafft Gott im Augenblick des menschlichen Zeugungsaktes eine neue Seele, wie es die Kirche stattdessen lehrt?

Und wenn wir von der Richtigkeit der Bibelstelle ausgehen, eine weitere Frage: Liegt es nicht näher, dass Gott ein "reifes Geistwesen" in einer "anderen Welt" zum Propheten aufruft als eine angeblich bei der Zeugung ihres Körpers neu geschaffene Embryo- bzw. Baby-Seele?

Gott beachtet außerdem den freien Willen, so dass es der Zustimmung des künftigen Propheten zu seinem Auftrag bedarf.

 

Der Vorgang der Inkarnation eines Geistwesens in einen menschlichen Körper ist übrigens auch am Beispiel von Christus selbst belegt. Jesus von Nazareth sagt, "ehe Abraham war, bin ich" (Johannes 8, 58), und in einem bekannten urchristlichen Hymnus heißt es von Christus:

"Er, der in göttlicher Gestalt war, ... entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an und ward den Menschen gleich" (bei Paulus, Brief an die Philipper 2, 6-7). Daraus hat die Kirche im Jahr 451 auf dem Konzil von Chalzedon abgeleitet, dass Christus "wahrer Mensch" war.

Wenn Christus aber als Jesus von Nazareth "wahrer Mensch" war, warum sollte er dann als einziger aus einer anderen Welt in einen menschlichen Körper inkarniert sein, während für die Seelen der anderen Menschen nach römisch-katholischer Lehre etwas völlig anderes gelten soll: Diese Seelen würden angeblich parallel zum Körper und in ihrer "Substanz" gleich der "Form des menschlichen Leibes" neu geschaffen (Neuner-Roos, a.a.O., Nr. 329) - eine weitere abstruse kirchliche Lehre. Denn sie würde ja auch bedeuten: Bei jedem menschlichen Zeugungsakt würde Gott eine neue Seele schaffen, deren ewige Seligkeit oder angebliche spätere ewige Verdammnis Er bei diesem Akt zudem vorher bestimmen bzw. vorhersehen würde [vgl. dazu hier in "Der Theologe Nr. 1"].

 

Der Journalist: Das alles ist absurd. Doch die Christus-Hymne ist noch kein Beleg für die Reinkarnation.

 

Der Theologe: Aber ein dazu passender Hinweis, was bei einer Geburt geschieht: Ein Geistwesen oder eine Seele "geht" oder "schlüpft" in einen menschlichen Körper "hinein" und beginnt diesen mehr und mehr auszufüllen und zu durchdringen. Der Körper ist für die Seele so etwas wie ein Fahrzeug, mit dem sie sich auf dem Planeten Erde bewegen kann.

 

Der Journalist: So hätten Jesus und Jeremia bereits im Jenseits ihren Auftrag angenommen. Und auf der Erde ist dann ein Körper gezeugt worden, in den ihre Seele inkarniert ist.

 

Der Theologe: Ja. Wobei in der Bibel nichts darüber steht, ob das Geistwesen, das in Jeremia inkarniert war, schon vorher einmal oder mehrere Male auf der Erde war. Bei Christus war es nicht so.

Ein deutlicher Hinweis auf die Reinkarnation steht zudem im biblischen Buch Weisheit. Der Verfasser sagt dort von sich: "Ich war ein wohlgestalteter junger Mann und ... da ich edel war, kam ich in einen unbefleckten Leib" (8, 20). Man kann fragen: Wann oder wo war der Mann denn "edel"? Und wie "war" dann umgekehrt "einer", dessen Leib schon von Geburt an "Flecken" des Leides trägt? Der ganze Zusammenhang deutet auf Reinkarnation hin, ebenso wie noch eine weitere Stelle des biblischen Buches.

Die dem Verfasser zufolge falsche Überzeugung mancher Menschen wird dort beschrieben mit den Worten: "Unsre Zeit geht vorbei wie ein Schatten, und wenn es mit uns zu Ende ist, gibt es keine Wiederkehr; denn es steht unverbrüchlich fest, dass niemand wiederkommt" (2, 1.5) - so also nach dem Verfasser des Buches Weisheit das falsche Denken. Was also ist dann nach der Überzeugung des Buches Weisheit das "richtige" Denken? Dass es eben doch eine Wiederkehr gibt und dass man doch wiederkommt.

Das Buch Weisheit ist fester Bestandteil der katholischen Bibeln, in den evangelischen gehört es wiederum zu den "Apokryphen".

 

JESUS ÜBER DIE AUSWECHSLUNGEN DES KÖRPERS

 

Der Journalist: Sie sprechen den so genannten "Kanon" der Bibel an, also den von der Kirche vereinbarten Inhalt dieses Buches. Gibt es weitere Stellen zur Reinkarnation in diesen Apokryphen außerhalb der Bibel?

 

Der Theologe: Ja, zum Beispiel im Thomasevangelium, das 1945 von Bauern beim Pflügen in der Nähe von Nag Hammadi am Nil gefunden wurde. Es gilt mittlerweile als das bekannteste Evangelium außerhalb der Bibel.

Dort heißt es: "Jesus sprach: Heute wenn ihr euer Ebenbild seht, freut ihr euch. Wenn ihr aber eure Bilder seht, die vor euch geworden sind, ... wie viel werdet ihr ertragen?" (V. 84)

 

Der Journalist: Unterscheiden sich diese Bilder so sehr von dem heutigen "Bild"?

 

Der Theologe: Es kommt darauf an, welche Inhalte aus der Seele unser heutiges Erscheinungsbild prägen. Möglicherweise gibt es auch Inhalte, die erst zu einem späteren Zeitpunkt oder in einer späteren Inkarnation aktiv werden und auch auf unser Aussehen einwirken. Dieses verändert sich ja auch durch bestimmte Lebenserfahrungen.

 

Es gibt aber noch viele weitere Beispiele. Im vorhin schon genannten Evangelium der Pistis Sophia spricht Jesus vom "Kreislauf" (S. 239) oder über "Kreisumläufe der Auswechslungen des Körpers" (S. 222) bzw. von einer Situation, da es einer Seele "nicht möglich wird, in die Höhe zum Licht zu gehen, und sie zurückkehren muss zum Auswechseln des Körpers" (S. 239).

Bei einer Reinkarnation würde ein Mensch, so Jesus, "wiederum in die Welt zurückgeworfen, übereinstimmend mit der Art der Sünden, die er begangen hat" (S. 186).

Dabei erhält die Seele einen Körper, "der ihren begangenen Sünden angepasst ist" (S. 201).

 

In diesem Zusammenhang fragt Maria zum Beispiel nach einem Menschen, der "keine Reue gefunden" hat, "obwohl er seine Anzahl von Kreisläufen im Auswechseln der Körper vollendet hat" (S. 227).

Hinter dieser Formulierung steht offenbar das Wissen, dass Reinkarnationen nicht unbegrenzt möglich sind. In das Friedensreich, das einmal auf der Erde entstehen wird - wovon schon der Prophet Jesaja sprach [vgl. Jesaja 11, 6-9] -, können sich keine schwer belasteten Seelen mehr inkarnieren [siehe "Das ist Mein Wort. Das Evangelium Jesu. Die Christus-Offenbarung, welche die Welt nicht kennt", a.a.O., S. 157]. Und das könnte wiederum ganz konkret bedeuten: Viele der heute auf der Erde lebenden Menschen haben wohl kaum mehr eine Chance für eine neue spätere Inkarnation. Denn Wissenschaftler zeigen uns ja gerade in unserer Zeit, dass die Erde bald immer weniger Menschen ernähren kann und dass uns ein großer Kollaps noch bevorsteht. Vieles Seelen im Jenseits können danach nicht mehr zurück auf die Erde.

 

Jesus erläutert jedoch in diesem Beispiel, dass die Seele des damals Betroffenen, anders als Maria dachte, eventuell doch die Chance einer weiteren Inkarnation bekommt, in welcher der Mensch auf der Erde den Weg zum "Lichtreich" finden kann (S. 228). Und es heißt wörtlich: "Bei dieser Seele, für die ihr beten werdet, wenn sie sich im Drachen der äußersten Finsternis befindet, wird er seinen Schwanz aus seinem Maul ziehen und diese Seele freigeben." Oder aber: Boten "werden sie aus allen Gebieten entführen, wo sie auch ist" (S. 229). Doch selbst wenn auch in diesem Beispiel keine Inkarnation mehr möglich sei, können Boten des Lichts die Seele "prüfen" und sie "zum Lichtschatz" "führen" (S. 229).

 

Der Journalist: Sind noch mehr Details bekannt?

 

Der Theologe: Interessant ist beispielsweise das Wissen, dass manche Seelen ihre Schuld in einer einzigen Inkarnation abtragen können. So haben offenbar Menschen gedacht, die von ihren kirchlichen Gegnern nach einem Mann namens Karpokrates "Karpokrater" genannt wurden. Leider ist nur der Spottbericht von "Kirchenvater" Irenäus, ihres Gegners überliefert, wonach sie angeblich lehrten, man müsse in einem Leben alle möglichen Sünden begehen, um nicht mehr reinkarnieren zu brauchen - also gerade das Gegenteil der Wahrheit. Die Vorwürfe von Irenäus gründen sich nach Worten des Religionswissenschaftlers G. R. S. Mead "augenscheinlich auf ein völliges Missverstehen, wenn sie nicht einfach aus wohlüberlegter Bosheit entsprangen" (G. R. S. Mead, Fragmente eines verschollenen Glaubens, Berlin 1902, S. 190). Irenäus gilt ja auch als der Vorläufer der späteren kirchlichen Inquisition, die Millionen von Opfern auf dem Gewissen hat, die vor ihrer Hinrichtung teilweise auch noch grausam gefoltert wurden.

 

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